Eine verspätete Premiere
03.11.2021 BremgartenOrchester Bremgarten: Konzert am Sonntag in der Stadtkirche
Das Orchester Bremgarten kehrt nach langer Coronapause zurück ins Rampenlicht. Das Konzert am Sonntag wird mit einem neuen Dirigenten stattfinden.
Am 28. Januar 2020 widmete der «BBA» ...
Orchester Bremgarten: Konzert am Sonntag in der Stadtkirche
Das Orchester Bremgarten kehrt nach langer Coronapause zurück ins Rampenlicht. Das Konzert am Sonntag wird mit einem neuen Dirigenten stattfinden.
Am 28. Januar 2020 widmete der «BBA» dem Bremgarter Orchester einen grösseren Artikel. Hauptprotagonist darin: Renato Botti. Der Dottiker hatte soeben Hans Zumstein nach erfolgreichen 40 Jahren als Dirigent abgelöst. Botti sprühte vor Tatendrang und freute sich wie ein Kind darauf, mit seinem Orchester loslegen zu dürfen, frischen Wind nach Bremgarten zu bringen und seine musikalischen Ideen mit seinem neuen Orchester zu verwirklichen.
Proben eine Herausforderung
Nun sind beinahe zwei Jahre vergangen. Und der Bremgarter Bevölkerung blieb eine Begegnung mit ihrem neuen Dirigenten seither grösstenteils verwehrt. Abgesehen von einer Matinee Ende Juni in der Kapuzinerkirche mussten alle geplanten Projekte und Konzerte immer wieder verschoben werden. Proben während der Coronazeit waren erschwert oder gar eine Weile lang unmöglich.
Für ein Amateur-Orchester ist das eine besondere Herausforderung. «Ich vergleiche es jeweils mit dem Sport», sagt Botti. «Ein Hobby-Fussballer bekam während der trainingsfreien Zeit vielleicht ein Bäuchlein, während der Profi genau wusste, wie er sich fit zu halten hat.» Die ersten richtigen Proben nach langer Zeit waren deshalb eine Herausforderung. «Doch das Schöne ist, dass vieles schnell wieder da und die Motivation umso grösser war.» So konnte man nach wenigen Proben wieder da anknüpfen, wo man einmal war, und das Programm in den vergangenen Monaten sukzessive weiterentwickeln.
Nun hat auch das Warten auf ein Konzert, wie es sonst dreimal jährlich stattfindet, endlich ein Ende. Am Sonntagabend um 17 Uhr wird das Orchester Bremgarten in der Stadtkirche ein spannendes Programm mit dem jungen Klarinettisten Julian Remund als Solist aufführen. «Wir können es kaum erwarten», sagt Botti. Seine Konzertpremiere soll bloss der Auftakt zu einer Reihe von vielen musikalischen Höhepunkten in den nächsten Jahren sein. --huy
«Freude an der Musik vermitteln»
Orchester Bremgarten: Dirigent Renato Botti feiert seine Premiere
Renato Botti ist seit fast zwei Jahren Dirigent beim Orchester Bremgarten. Am Sonntag darf er endlich sein erstes Konzert leiten.
In vier Tagen präsentieren Sie in Bremgarten das Resultat von rund 24 Monaten Arbeit. Ist man da nervös?
Renato Botti: Nicht besonders. Die Vorfreude überwiegt klar. Wir dürfen wieder auftreten. Das Resultat unserer Leidenschaft einem Publikum präsentieren. Ich kann es kaum erwarten. Seit Tagen laufe ich mit einem Lächeln durch die Gegend.
Lampenfieber kennen Sie nicht?
Doch, natürlich. Jeder Künstler kennt Lampenfieber. Wer was anderes sagt, lügt wohl. Das braucht man auch, um sich zu konzentrieren. Das ist aber kein hemmendes Gefühl. Eher so was wie eine positive Anspannung, ein Kribbeln.
Das haben Sie nun schon lange nicht mehr verspürt. Wie haben Sie die Zeit seit Ihrem Amtsantritt erlebt, die ja leider stark vom Coronavirus geprägt war?
Es war zermürbend. Wir haben so vieles geplant und angedacht, was wir dann nicht umsetzen konnten. Aber die Situation hatte auch spannende Aspekte.
Inwiefern spannend?
Man musste sich immer wieder neu erfinden. Improvisieren. In Kleinformationen proben, in denen man dies sonst nicht macht. Und wir hatten Zeit, Dinge zu perfektionieren und auszuprobieren. Einiges davon konnten wir dann auch in unser aktuelles Programm integrieren.
Apropos. Worauf dürfen sich die Zuschauer am Sonntag freuen?
Wir spielen Werke von Charles Stanford, Edward Elgar und Ralph Vaughan Williams. Und Ludwig van Beethoven als Ouvertüre. Das ist ein spannender Mix. Eine gewagte Kombination, die meiner Meinung nach aber gut funktioniert.
Was waren die Überlegungen dahinter?
Mein Konzept ist es, dem Publikum auch Werke zu präsentieren, die es vielleicht noch nicht so kennt, die eine oder andere Trouvaille. Klassische Musik muss meiner Ansicht nach aufpassen, dass sie nicht bloss Bekanntes «reproduziert», sondern auch überraschend und abwechslungsreich bleibt. Und dennoch versuche ich auch Bekanntes zu integrieren, wo das Publikum vielleicht auch mal am liebsten mitsummen würde. Das ist eine Herausforderung, denn ein Konzertprogramm sollte unterschiedlichen Ansprüchen gerecht werden und einem roten Faden folgen.
Wie haben Sie das gelöst beim aktuellen Programm?
Am Anfang stand das Stück von Stanford, das der junge Klarinettist als Solist vortragen wird. Das versuchte ich mit weiteren Komponisten zu kombinieren, die mit Stanford biografisch in Verbindung standen (Elgar und Williams waren seine Schüler, Anm. d. Red.) und sich ebenfalls durch die charakteristisch bildhafte, stimmungsvolle Musik auszeichnen. Beethoven bildet einen spannenden Kontrast und seine Ouvertüre einen fulminanten Konzertstart. Ausserdem gingen wir ja ursprünglich von 2020 als Aufführungsjahr aus – das wäre dessen Jubiläumsjahr gewesen.
Wie kamen Ihre Ideen beim Orchester an?
Sehr gut. Ich hatte das Glück, dass ich in Bremgarten ein super offenes Team übernehmen durfte, das darüber hinaus auch viele junge, ambitionierte und lernwillige Musiker enthält. Das ist nicht selbstverständlich in der heutigen Zeit.
Wie meinen Sie das?
Ich habe das Gefühl, dass es in unserer hektischen, schnelllebigen Zeit vielen schwerfällt, an etwas dranzubleiben und sich dauerhaft in einem Verein zu engagieren. Wir haben zum Glück, wie gesagt, keinen Nachwuchsmangel. Aber damit das so bleibt, muss man auch flexibel bleiben.
Wie macht man das?
Viele Vereine müssen lernen zu akzeptieren, dass es heutzutage viele Lebensmodelle gibt, die nicht einem routinemässigen Wochenablauf folgen. Das Wort «Verein» suggeriert bei vielen etwas Inklusives, Geschlossenes, Verpflichtendes. Wir wollen aber auch für junge Menschen offen bleiben, die vielleicht nicht bei jeder Probe am Montag anwesend sein können. Solange sie sich aber integrieren, ihr Handwerk beherrschen und mit Leidenschaft dabei sind, ist das kein Problem für uns. Deshalb haben wir übrigens im letzten Jahr auch klammheimlich unseren Namen und das Logo angepasst. Wir sind nicht mehr der Orchesterverein, sondern nur noch das Orchester Bremgarten. Auch wenn wir natürlich rechtlich immer noch ein Verein sind (lacht).
Mussten Sie da auch Überzeugungsarbeit leisten?
Nicht gross, es sind bei uns alle aufgeschlossen. Aber es ist generell eine Aufgabe von mir, mit und auf die Menschen einzuwirken, sie zusammenzuschweissen, Freude an der Musik zu vermitteln und zu begeistern. Das liegt mir auch, deshalb bin ich hauptberuf licher Musikpädagoge (Kantonsschullehrer in Wettingen, Anm. d. Red.).
Als Dirigent stehen Sie im Mittelpunkt. Mögen Sie das?
(Überlegt lange) Ich würde nicht sagen, dass ich der Mittelpunkt bin. Ich sehe mich als Teil eines grossen Ganzen. Es geht um die Musik. Und die machen ja alle anderen ausser ich (schmunzelt).
Und doch ziehen Sie gesamthaft die meisten Blicke auf sich.
Ja, das stimmt wohl. Und ich spüre die Kraft des Publikums auch. Das ist etwas Wunderbares. Aber ich dirigiere letztlich nicht für das Publikum, sondern für mein Orchester. Wenn mir jemand sagt, «Du hast heute wieder schön dirigiert», dann schmeichelt mir das zwar, aber es ist letztlich völlig unerheblich. Feedbacks zu unserem Gesamtwerk sind deshalb viel wichtiger.
Was wünschen Sie sich am Sonntagabend für ein Feedback?
Ich hoffe in erster Linie, dass möglichst viele kommen und sich von der Zertifikatspflicht nicht abschrecken lassen. Wir glauben, dass es sich lohnt und wir den Bremgartern ein wunderbares akustisches Erlebnis bieten können. Wenn die Leute es geniessen und froh sind, dass wir wieder vor ihnen musizieren dürfen, dann ist das das schönste Feedback. Und ich bin glücklich. --huy K
onzert Orchester Bremgarten: Sonntag, 7. November 2021, 17.00 Uhr, Stadtkirche. Solist: Julian Remund, Klarinette.



