Schlimmer gehts nimmer
01.10.2021 BremgartenRückblick auf die Badisaison
Das Freibad Isenlauf schliesst heute seine Türen. Betriebsleiter Roger Marti blickt auf einen äusserst durchwachsenen Badisommer zurück.
Der Augenblick ist bezeichnend. Just als Roger Marti für das ...
Rückblick auf die Badisaison
Das Freibad Isenlauf schliesst heute seine Türen. Betriebsleiter Roger Marti blickt auf einen äusserst durchwachsenen Badisommer zurück.
Der Augenblick ist bezeichnend. Just als Roger Marti für das Zeitungsfoto posieren will, öffnet der Himmel nochmals seine Schleusen und dicke Regentropfen prasseln auf den Badileiter nieder. «So passt das Bild wenigstens zum Text», lacht er.
Die Zahlen, die Marti zur Badisaison 2021 vorlegen muss, sind bescheiden. Rund 62 000 Eintritte verzeichnete das Freibad Isenlauf in der Sommersaison 2021. Zum Vergleich: 2019 – also vor der Pandemie – waren es fast 80 000. Und 2018 sogar gegen 90 000. Selbst im Vorjahr, als das Freibad aufgrund des vom Bund verordneten Lockdowns nur drei statt wie sonst üblich fünf Monate geöffnet war, kamen mit zirka 60 000 Menschen fast gleich viele wie dieses Jahr.
Corona und Wetter als Hauptgründe
Die Gründe für die Baisse liegen auf der Hand. Schuld daran sind das Coronavirus und das miese Sommerwetter. «Das waren gleich zwei unglückliche Umstände, die sonst jahrzehntelang so nicht vorkommen», sagt Marti. Zwar war zumindest der Badisommer nicht von einer Zwangsschliessung aufgrund der Pandemie tangiert, aber die Maskenpflicht, das später benötigte Corona-Zertifikat und nicht zuletzt auch die Angst vor möglichen Ansteckungen hielten viele Menschen davon ab, ins Schwimmbad zu gehen. «Und welchen Effekt schlechtes Wetter auf Freibadbesuche hat, brauche ich Ihnen auch nicht zu erklären», schmunzelt Marti.
Verlust und Lichtblicke
Logisch, dass sich die Eintrittszahlen auch in einem Verlust niederschlagen werden, der die Stadtkasse belastet. «Wie gross der genau sein wird, kann man noch nicht abschätzen. Kassensturz wird Ende Jahr gemacht», sagt der Chef-Badmeister. Er glaubt aber, dass es durch geschickt genutzte Synergien und Einsparungen gelungen ist, diesen im Vergleich zu anderen Schwimmbädern gering zu halten.
Und immerhin – es gab auch Lichtblicke 2021. Vom 13. bis zum 20. Juni, als es eine Woche schön und heiss war, pilgerten gleich 12 000 Menschen ins Isenlauf. Spitzentag war der 16. Juni mit 2165 Eintritten. Das sind Zahlen, die sich fast mit denen von
Prä-Corona messen lassen können. «Das ist schön, zeigt, dass man uns nicht vergisst und dass das Bedürfnis in Bremgarten nach Abkühlung bei uns nach wie vor vorhanden ist, wenn die Umstände stimmen.» Und das soll laut Marti künftig wieder öfter der Fall sein. «Eine Saison wie diese, wird es wohl zum Glück zu meinen Lebzeiten nie mehr geben.» --huy
«Es gibt immer etwas zu tun»
Freibad Isenlauf: Betriebsleiter Roger Marti zieht Bilanz
Corona und Wetter machen dem Chef-Badmeister der Badeanlagen Isenlauf das Leben schwer. Die Freude an seinem vielfältigen Job hat Roger Marti dennoch nicht verloren. Er blickt zuversichtlich in die Zukunft.
Roger Marti ist ein äusserst erfahrener und routinierter Vertreter seines Fachs. Seit 1991 ist der gelernte Maler und Gipser als Badmeister tätig. Seit 2015 in Bremgarten. In den 30 Jahren hat er einiges erlebt und gesehen. Und doch kamen in den letzten beiden Jahren Herausforderungen auf ihn zu, die selbst er noch nicht kannte.
Führen Sie derzeit ein geruhsames Berufsleben?
Roger Marti: (lacht) Nein, wo denken Sie hin? Weshalb denn?
Ich stelle mir das gemütlich vor als Badmeister, wenn kaum jemand badet.
(Schmunzelt) Da sieht man, dass Sie nicht viel Ahnung haben von unserem Beruf. Das Beaufsichtigen der Gäste ist nur ein kleiner Teil unserer Arbeit. Vor allem in meiner Position als Betriebsleiter.
Klären Sie mich auf.
Die Arbeit als Badmeister ist unglaublich vielseitig. Ich sage immer, dass wir den wohl abwechslungsreichsten Beruf der Welt haben. Schliesslich sind wir für die Pflege, den Betrieb und den Unterhalt der ganzen Badeanlage verantwortlich. Wir sind also nicht bloss Rettungsschwimmer und Aufseher, sondern auch Techniker, Handwerker, Gärtner, Maler, Meteorologen, Chemiker, Buchhalter, Mediatoren und, und, und.
Das tönt tatsächlich spannend.
Sehen Sie. Zum Beispiel musste ich gerade die definitive Entscheidung fällen, dass wir per Ende September das Freibad für dieses Jahr schliessen. Wenn es möglich gewesen wäre, dann hätte ich gerne noch ein paar Tage verlängert.
Ist der Wetterbericht zu schlecht?
Ja, aber nicht nur. Entscheidend ist die Wassertemperatur. Diese sollte nicht unter 18 Grad fallen. Dann ist es nämlich auch mit Neoprenanzug schon fast zu kalt. Wir haben verschiedene Möglichkeiten zur Regulierung. Frischwasserzufuhr, Umwälzungen des Wassers, Wärmepumpen, Wärme-Absorbermatten etc. Durch Berücksichtigung von Erfahrungswerten macht man dann Berechnungen und Prognosen. Und so kam ich zum Schluss, dass es bald zu kalt geworden wäre.
So geht die Freibad-Saison 2021 zu Ende. Wie blicken Sie darauf zurück?
Es war eine «Sch...saison». Beziehungsweise ein «Sch...jahr» bis jetzt. Da kam vieles zusammen. Erst der Teil-Lockdown, dann der verregnete Frühling und Sommer und schliesslich noch die Zertifikatspflicht. Alles hat uns massiv Eintritte gekostet. Auch Stammkunden, die früher auch bei schlechtem Wetter schwimmen gingen, kamen teilweise nicht mehr. Weil sie sich aufgrund der Unsicherheit kein Jahresabo mehr leisteten, oder weil ihnen die Corona-Beschränkungen zu weit oder zu wenig weit gingen.
Das wird voraussichtlich in einem grösseren Verlust münden.
Ja, aber wir haben vieles dafür getan, dass dieser nicht allzu gross ausfällt. Einerseits sind wir sehr schlank und flexibel aufgestellt, sodass wir Personalkosten einsparen konnten. Andererseits bilden wir, wo immer möglich Synergien, was die Ausgaben vergleichsweise tief hält.
Haben Sie Beispiele?
Zum Beispiel können bei uns die Schwimmklubs am Morgen kostenlos trainieren, als Gegenleistung helfen sie uns gratis als Bademeister, wenn Bedarf herrscht. So halten wir die Fixkosten tief und haben weniger Ausgaben, wenn weniger läuft. Wir versuchen auch möglichst viel selbst zu reparieren und sind handwerklich alle vielseitig ausgebildet und begabt. Das geht bis zu den Kassiererinnen. Die müssen bei uns alle das Rettungsbrevet haben. So sind sie auch vielseitig einsetzbar und können aushelfen, wenn Bedarf herrscht. Das ist, so glaube ich, ziemlich einzigartig in Bremgarten im Vergleich zu anderen Schwimmbädern.
Dennoch gab es in den vergangenen zwei Jahren Zeiten, in denen aufgrund von Lock- und Shutdowns gar nichts oder wenig los war. Gab es immer genügend Arbeit?
Es gab sehr magere Wochen, das will ich nicht verhehlen. Aber vergangenes Jahr konnten wir den Lockdown für die Hallenbad-Revision, Kontrollen, Malerarbeiten und Renovationen nutzen. Und für den Abbau von Überstunden. Ausserdem sind wir ja ein Stadtbetrieb. Auch das eröffnet Möglichkeiten.
Wie meinen Sie das?
Einer unserer drei Badmeister half, als wenig los war, einfach bei der Polizei aus. Da mein Chef der Stadtschreiber ist, war dies relativ problemlos möglich. So kontrollierte er eine Weile die Parkuhren der Stadt statt die Badegäste. (lacht)
Was brachte die Pandemie sonst noch für Veränderungen mit sich?
Ach, viele. Vor allem ändern sich die Veränderungen auch dauernd wieder (schmunzelt). Momentan ists vor allem die Zertifikatspflicht. Die setzen wir rigoros durch. Wenn jemand kein Zertifikat hat, muss er nach Hause. Da kennen wir kein Pardon.
Wie reagieren die Leute darauf?
Grösstenteils funktioniert alles sehr gut. Aber es gibt schon auch die Primitiven, die sehr ausfällig werden. Zum Glück haben die Kassiererinnen eine Scheibe zwischen sich und den Kunden... Und das Zertifikat führte zu weniger Eintritten. Eindeutig. Gerade viele junge Menschen, die nicht geimpft sind, kommen jetzt nicht mehr einfach mal spontan in die Badi.
Im letzten Jahr haben Sie wegen dem Corona-Virus den Chlorgehalt des Wassers erhöht. Ist das immer noch so?
Nein, der ist wieder auf dem normalen Niveau. Das reicht völlig, um alle Keime und Viren zu töten. Ich würde das auch nicht überbewerten. Wir passen den Chlorhaushalt oft den gerade gegebenen Umständen an. Wenn jemand ins Wasser erbricht beispielsweise, fahren wir auch kurzfristig den Chlorgehalt hoch.
Apropos – seit diesem Jahr besitzt die Badi Isenlauf eine neue Chlorgranulatanlage.
Ja, da sind wir stolz darauf und es erleichtert uns die Arbeit sehr. Alles ist vollautomatisiert, funktioniert ohne Chemie und bietet maximale Sicherheit. Wir waren die Ersten der Schweiz mit dieser Anlage.
Welche sonstigen Änderungen und Neuerungen stehen in den nächsten Jahren an?
Da ist momentan noch nichts spruchreif. Sicher keine grösseren Investitionen. Das wäre angesichts der Finanzlage nicht angebracht. Aber wir müssen andere Wege finden, um innovativ und attraktiv zu bleiben. Sonst laufen uns die Leute davon, nicht bloss wegen Corona. Die Konkurrenz der Freizeitmöglichkeiten ist gross. Deshalb muss man den Gästen auch etwas bieten.
Was schwebt Ihnen vor?
Wenn es die Pandemielage wieder zulässt, möchte ich wieder spezielle Events veranstalten. Beispielsweise ein Plauschabend für Kinder, die Geisternacht, wo die Badi bis spät nachts geöffnet und mit Scheinwerfern belichtet ist, oder auch das Frühschwimmen an bestimmten Tagen. Überhaupt finde ich, sollten wir die Öffnungszeiten anpassen.
Inwiefern?
Ich möchte früher öffnen. Um 8 statt um 9 Uhr. Und am Abend länger geöffnet haben. So sprechen wir auch andere Bevölkerungsschichten an, die vor oder nach der Arbeit schwimmen möchten zum Beispiel.
Das bedeutet aber auch Mehrkosten und Mehraufwand für Sie.
Nein, eben nicht. Der Betrieb läuft eh früher. Das Wasser ist ja einfach da, und wir sind auch vor Ort. Wir haben von frühmorgens bis spätabends viel zu tun. Ob mit oder ohne Gäste.
Wünschten Sie sich manchmal nicht mehr Freizeit?
Wissen Sie, es ist so ein toller Beruf. Und im Winter können wir auch mal durchschnaufen. Wenn ich aber im Sommer frei habe und bei Sonnenschein und 30 Grad zu Hause sitze, werde ich richtig hibbelig und unglücklich. Niemand würde dann lieber zu Hause sein als in der Badi. Weshalb sollte ich also? Und mir kann es nie zu viele Leute haben. Wenn alles voll ist und der Betrieb floriert, bin ich in meinem Element und glücklich. Hoffentlich ist das ab dem nächsten Frühling wieder möglich. --huy
Stadtrat gelassen
Departementsvorsteherin Claudia Bamert hat Verständnis für die schlechten Besucherzahlen und will vorerst geduldig bleiben und keine Massnahmen ergreifen: «Eine Preisanpassung zum jetzigen Zeitpunkt wäre für mich das falsche Zeichen und würde unsere Badigäste noch mehr von einem Besuch abhalten. Ich freue mich vielmehr auf wieder coronafreiere Zeiten und auf die Ideen von Roger Marti, um so die Eintrittszahlen wieder steigen zu lassen. Die genauen Zahlen und die daraus abzuleitenden Massnahmen werden wir Ende Jahr sehen und auswerten.» --huy



