Wenn Unterschiede schmelzen
06.08.2021 Region BremgartenKinder mit und ohne Beeinträchtigung gestalten ein Zirkusprogramm
61 Kinder zeigen heute im Zirkuszelt beim Schulhaus Lohren in Fischbach-Göslikon ihre Nummern.
Roger Wetli
In der Reusstalgemeinde ...
Kinder mit und ohne Beeinträchtigung gestalten ein Zirkusprogramm
61 Kinder zeigen heute im Zirkuszelt beim Schulhaus Lohren in Fischbach-Göslikon ihre Nummern.
Roger Wetli
In der Reusstalgemeinde Fischbach-Göslikon werden diese Woche Berührungsängste abgebaut. 48 gesunde und 13 Kinder mit Beeinträchtigungen haben seit Montag gemeinsam ein Zirkusprogramm mit neun unterschiedlichen Nummern einstudiert. Waren die Hemmungen einander gegenüber zu Beginn noch gross, sind sie spätestens seit Mittwoch vergessen. Umso grösser ist die Vorfreude, das Gelernte heute während zwei Vorstellungen dem Publikum zu präsentieren. Dies geschieht aufgrund von Pandemieauflagen im geschlossenen Rahmen. «Es ist trotzdem eine wunderbare Erfahrung, welche die Kinder hier machen können», ist der Medienverantwortliche Michael Küng überzeugt.
Neue Erlebnisse ermöglichen
Das Zirkusprojekt in Fischbach-Göslikon ist eine Kooperation zwischen der Vereinigung Cerebral Aargau, der Frauengemeinschaft Niederwil-Nesselnbach und dem Zirkus Wunderplunder. «Wir möchten damit aufzeigen, dass eine Zusammenarbeit von behinderten und unbeeinträchtigten Kindern sehr gut möglich ist», erklärt Silvia Bässler von der Vereinigung Cerebral Aargau. «Damit schaffen wir neue Erlebnisse und fördern ein respektvolles Miteinander.»
Ganz ohne Hemmungen
Kinder mit und ohne Behinderungen proben für eine Zirkusvorstellung
Zurzeit ist im und um das Schulhaus Lohren in Fischbach-Göslikon alles auf Zirkus getrimmt. 48 gesunde und 13 beeinträchtigte Kinder studieren ein gemeinsames Programm ein, das sie heute in zwei geschlossenen Vorführungen zum Besten geben.
Roger Wetli
Die Stimmung ist trotz trübem Wetter in Fischbach-Göslikon richtig erheiternd. An verschiedenen Orten im und um das Schulhaus Lohren entwickeln und proben neun Gruppen die gleiche Anzahl Zirkusnummern. Das Spezielle: Unter den 61 Artistinnen und Artisten sind auch 13 zu Inden, welche körperlich und geistig beeinträchtigt sind. Einigen sieht man das erst bei genauem Hinschauen an. Bei anderen ist das offensichtlicher. Sie alle verbindet die Begeisterung für den Zirkus. Wie sehr sie bei der Sache sind, beweisen nur schon die entzückten Lacher beim allmorgendlichen Begrüssungsritual.
Neun Zirkusnummern
Die Vereinigung Cerebral Aargau, die Frauengemeinschaft Niederwil-Nesselnbach und der Familienverein Fischbach-Göslikon arbeiten hier Hand in Hand mit dem Zirkus Wunderplunder zusammen. Zu den 61 Kindern gesellen sich acht Vollzeitassistenten, 30 Helfer und viele leissige Bäckerinnen.
Seit Montag erstellen sie gemeinsam ein Zirkusprogramm, das heute Freitag während zwei Vorstellungen vor geschlossener Gesellschaft vorgetragen wird. «Wir hätten gerne mehr Zuschauer», erklärt der Medienverantwortliche Michael Küng aus Niederwil. «Leider geht das pandemiebedingt nicht.»
Küng ist selber an den Rollstuhl gebunden und war bei der ersten Auflage dieses speziellen Zirkus im Jahr 2002 als Kind dabei. «Ich habe nur die besten Erinnerungen», schwärmt er. Für ihn ist es toll, dass sich in Fischbach-Göslikon Kinder mit und ohne Behinderung treffen. «Beide Seiten profitieren stark davon. Am ersten Tag waren zwar alle noch etwas scheu, spätestens am Mittwoch verschwand die Hemmschwelle aber total.» Er selber fand es als Kind immer toll, wenn er mit möglichst vielen Nicht-Beeinträchtigten in einer Gruppe zusammen war. «Ich kam dadurch immer am meisten weiter», schwärmt er.
In neun Gruppen werden Zirkusnummern wie Akrobatik, Feuershows, Tanz, Clown oder am Seil geübt. Die Betreuer entwickeln das Programm mit den Kindern gemeinsam, integrieren ihre Stärken und Ideen. So tanzt ein Kind mit Sauerstoffmaske und Rollstuhl mit den Wenig- und Gar-nicht-Beeinträchtigten. Seine Ausrüstung wird im Zirkus zum Tauchutensil, um das sich wundersame Wesen bewegen. In welcher Gruppe ein Kind eingeteilt wurde, durften diese nach einem Schnuppernachmittag am Montag selber mitbestimmen.
Sogar Wartelisten
Angeleitet werden die Teilnehmenden durch die Mitglieder des Zirkus Wunderplunder. «Wichtig ist uns, dass wir allen Kindern gerecht werden. Sie sollen sich auf der Bühne wohlfühlen», erklärt Julian Morf, Kollektivmitglied des Zirkus. «Wir entwickeln auch Programme mit Altersheimen, Schulen und anderen Institutionen. Spannend in Fischbach-Göslikon ist für uns die Mischung aus Teilnehmenden mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten.» Auch er stellt fest, dass die Grenzen von Tag zu Tag kleiner werden.
Mit 13 Kindern mit Beeinträchtigung sind es dieses Jahr eher wenige solche Teilnehmenden. «Normalerweise zählen wir um 20», erklärt Silvia Bässler, die Geschäftsleiterin der Vereinigung Cerebral Aargau. «Es wäre natürlich toll, wenn es diesmal auch mehr wären. Allerdings waren deren Eltern heuer zurückhaltend mit den Anmeldungen.» Für den Grund dazu hat sie grosses Verständnis. «Das Maskentragen und die Einhaltung der generellen Pandemieregeln sind für beeinträchtigte Personen schwierig. Dazu kommt, dass für die Eltern ein coronainfiziertes behindertes Kind eine äusserst grosse Herausforderung ist.» Silvia Bässler freut sich, dass dagegen der Ansturm der Familien mit «normalen» Kindern sehr gross war. «Wir haben hier sogar Wartelisten.»
Nur acht Stunden
Knapp vier Tage lang hatten die Zirkusteilnehmer Zeit, von der Idee über die Proben das Programm zu entwickeln. Die Hauptprobe fand bereits gestern statt. «Nach Abzug der Begrüssungs- und Verabschiedungsrituale und der Pausen bleiben den Kindern dafür nicht mehr als acht Stunden», weiss Michael Küng. «Es ist unglaublich faszinierend und erstaunlich, was sie in dieser Zeit alles erreichen.»



