Eine Kennerin der Branche
13.08.2021 MutschellenSerie «Auf den Punkt» mit Mavis Ann Barry
Manchmal findet man die interessantesten Geschichten dort, wo man es nicht erwartet: Der Pfeil trifft die Lielistrasse in Oberwil-Lieli auf der Höhe des Schulhauses Falter.
Dort, in einem der insgesamt fünf ...
Serie «Auf den Punkt» mit Mavis Ann Barry
Manchmal findet man die interessantesten Geschichten dort, wo man es nicht erwartet: Der Pfeil trifft die Lielistrasse in Oberwil-Lieli auf der Höhe des Schulhauses Falter.
Dort, in einem der insgesamt fünf angrenzenden Häuser an der Schulhausstrasse, wohnt die Engländerin Mavis Ann Barry. Sie studierte Maschinenbau an der Universität von Liverpool als eine von zwei Frauen, programmierte danach Radare für eine englische Firma und erlebte hautnah den ganzen Wandel der Computer- und Technik-Branche mit. Sie ist definitiv eine, die die Branche kennt. Der Einblick in ein spannendes Leben. --cbl
Vom Radar zur Börse
Sommerserie «Auf den Punkt»: Mavis Ann Barry aus Oberwil-Lieli
Gegen Ende der 1970er-Jahre schloss Mavis Ann Barry als eine von zwei Frauen in ihrem Jahrgang Maschinenbau an der Universität von Liverpool ab, entwickelte später als Programmiererin Algorithmen für Radarund Messtechnik und war hautnah dabei, als die elektronische Schweizer Börse in den 1990er-Jahren entstand. Für sie war schon immer klar: «Es gibt nichts, was ich nicht tun kann.»
Celeste Blanc
Anfang 1981 reiste Mavis Ann Barry, die von allen Ann genannt wird, mit Freunden für fast ein Jahr mit dem VW-Bus durch Europa. Die Reise führte sie unter anderem nach Frankreich, in die Schweiz und nach Italien bis hin nach Griechenland und Ex-Jugoslawien.
Doch bevor es losging, musste der VW-Bus zuerst einmal reisetüchtig gemacht werden – und zwar von der damals 24-Jährigen massgebend selbst. Sie studierte nämlich in ihrer Geburtsstadt Liverpool Maschinenbau. Doch die praktische Erfahrung lernte sie nicht an der Universität.
Erste Frau in der Werkstatt
«Während den Semesterferien arbeitete ich regelmässig in der Keksfabrik Jacobs’, um das Studium zu finanzieren», erzählt sie. Stundenlang stand sie am Fliessband und packte Guetzli und Schokolade ab. Als der Chef von ihrer Studienrichtung erfuhr, öffnete sich für sie eine neue Tür: Sie arbeitete fortan in der Fabrikwerkstatt.
«Dort lernte ich viel Praktisches: Ich arbeitete an der Drehbank, mit Bohrmaschinen und der Fräse, habe geschweisst und selber Gewindespindeln von Schrauben gedreht.» Sie betrat eine Welt, in der vorwiegend Männer arbeiteten: Damals war sie die erste Frau, die je in der Fabrikwerkstatt gearbeitet hatte. «Zwar erstaunte das meine Arbeitskollegen, sie haben mich aber stets ermuntert und respektiert», blickt die 64-Jährige zurück.
Nachdenkliche Momente
Nebst Maschinenbau war auch die Computerwissenschaft ein Teil ihres Studiums. «Das war damals eine ganz neue Fachrichtung», erzählt Ann Barry. Seit Beginn ihrer Ausbildung hat sie die rasante Entwicklung der Computer- und Telekommunikationstechnologie hautnah erlebt: Von der einfachen Lochkarte über die ersten elektronischen Taschenrechner, von der Verbreitung des World Wide Web bis zu den modernsten Supercomputern und der Digitalisierung fast aller Lebensbereiche.
«Es war und bleibt für mich eine wirklich spannende Zeit», lacht sie. «Vor 50 Jahren war vieles noch kaum vorstellbar und heute ist es unvorstellbar, ohne solche Technologien zu leben.» Obwohl Ann Barry neue Technologien oft als gewinnbringenden Fortschritt erachtet, hat sie bereits früh auch ihre Schattenseiten erlebt. Nach Abschluss ihres Studiums arbeitete sie als Radar-Ingenieurin in der Rüstungsindustrie bei Marconi Radar Systems in Leicester.
Als sich Grossbritannien 1982 mit Argentinien im Krieg um die Falklandinseln befand, wurde eines der britischen Kriegsschiffe, mit Radaren von Marconi ausgestattet, durch eine Luftabwehrrakete getroffen und kenterte.
Auf dem Schiff befanden sich Leute, mit denen Barry gearbeitet hatte: «Ich habe die Technologie immer als rein technische Herausforderung angesehen, bei der es gilt, weiterzukommen. Es erschütterte mich und machte mich sehr nachdenklich, so nah zu erfahren, wie viel Negatives Technologie auch mit sich bringen kann.»
Das Ende einer Epoche
Ihre einjährige Reise durch Europa brachte sie auch auf die Insel Elba, wo sie drei Monate in einem Ferienressort arbeitete. In dieser Zeit lernte sie zwei Schweizer kennen. Mit einem dieser Bekannten, der heute ein enger Freund der Familie ist, behielt sie, zurück in England, den Kontakt aufrecht. Diese Beziehung führte sie in die Schweiz – und auf Jobsuche.
Dank ihrer aussergewöhnlichen Berufserfahrung als Radar-Ingenieurin fand sie relativ schnell Arbeit. Nach ein paar Jahren wechselte sie in die Finanzwelt. 1988 begleitet sie die Lancierung der Swiss Options and Financial Futures Exchange (SOFFEX) als erste vollelektronische Handelsund Clearingplattform. Ann Barry verfolgte als Managerin der Qualitätssicherung bei SOFFEX damit hautnah die ersten Anläufe des Aufbaus der elektronischen Börse in der Schweiz, die 1995 gegründet wurde.
Am 15. August 1996 läuteten dann die Börsenschreiber zum letzten Mal den Ringhandel ab. «Und beendete damit eine Epoche in der Finanzgeschichte», erzählt sie. Heute arbeitet Barry als Risk Managerin für SIX.
Mutter war stets ein Vorbild
Immer weitergehen und nicht stehen bleiben – das ist eine Eigenschaft, die Barry von ihrer Mutter hat. Sie war als Sporttrainerin bei der Royal Air Force rund um die Welt tätig. «Später als alleinerziehende Mutter von drei Kindern liess sie sich zur Lehrerin ausbilden, damit sie für uns auch in den Schulferien da sein konnte.»
Neben ihrem Job hat sie Barry und ihre zwei jüngeren Brüder grossgezogen und gefördert, den Haushalt erledigt, ihr Auto selbst repariert, die Wände tapeziert und «hat als Pfadfinderleiterin über viele Jahre Hunderten von jungen Frauen – mir inklusive – wertvolle Erfahrungen mitgegeben.» Für Ann Barry schien es immer so, dass es nichts gab, was ihre «Mum» nicht konnte. «Sie war ein wahrhaftiges Vorbild für mich.»
Herausforderungen stellen
Die Engländerin, die seit mehr als 30 Jahren auf dem Mutschellen und 16 davon in Oberwil-Lieli wohnt, engagierte sich sozial im Regionalen Mutter-Vater-Zentrum auf dem Mutschellen, wo sie mehrere Jahre als Mitglied des Leitungsteams den Verein mitgeführt hat.
Auch half sie freiwillig im Begegnungskaffee «Mama Africa» in Bremgarten aus. Dort unterstützte sie Flüchtlinge beim Lesen offizieller Papiere oder beim Ausfüllen von Formularen, half bei Fragen weiter oder organisierte Aktivitäten. Auch hatte sie immer ein offenes Ohr für die Lebensgeschichten der Flüchtlinge.
Zudem singt die zweifache Mutter seit knapp 15 Jahren im Gospelchor «Happy Voices» und ist eines der ältesten Mitglieder. «Wenn ich mit dem Chor singen darf, dann erfüllt mich das immer mit Freude», so Barry.
Durch ihr Engagement und ihre Vereinstätigkeit ist sie in der Region tief verwurzelt. Ann Barry ist eine Powerfrau durch und durch. Dass sie nächstes Jahr das Pensionsalter erreicht, kümmert sie nicht: «Ich möchte mich weiterhin neuen Herausforderungen stellen», lacht sie und meint dabei zwinkernd, dass sie noch lange nicht «pensionsreif» sei.



