Perspektiven geben
30.07.2021 MutschellenStephan Hofmann und sein Hilfswerk
Seit fast 20 Jahren setzt sich der Wider Stephan Hofmann mit seinem Verein «Gira Solidario» rund um die brasilianische Stadt Campo Grande für Familien und Jugendliche der untersten Gesellschaftsschichten ein. Er und sein Team bilden ...
Stephan Hofmann und sein Hilfswerk
Seit fast 20 Jahren setzt sich der Wider Stephan Hofmann mit seinem Verein «Gira Solidario» rund um die brasilianische Stadt Campo Grande für Familien und Jugendliche der untersten Gesellschaftsschichten ein. Er und sein Team bilden die Leute aus und begleiten sie. «Gira Solidario» vermittelt alles, damit die Menschen sich selber aus der Armut befreien können. Dafür lebt Hofmann seit 2003 in Brasilien. --rwi
Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit
Der Wider Stephan Hofmann betreibt in Brasilien ein Hilfswerk
«Hilfe zu Selbsthilfe» hat sich die gemeinnützige Nonprofit-Organisation «Gira Solidario» auf die Fahne geschrieben. Damit hilft der heute 70-jährige Gründer Stephan Hofmann seit bald 20 Jahren Familien in Brasilien, aus dem Elend herauszukommen.
Roger Wetli
«Man kann sich über alles aufregen auf dieser Welt. Aber man soll im Kleinen anfangen, etwas zu verbessern», dieses Lebensmotto hat der Wider Stephan Hofmann von seinem Vater übernommen. «Er war ein einfacher Ledergerber und lebte in armen Verhältnissen», weiss der Sohn. Verbessert hat Hofmann in den letzten 19 Jahren einiges. Er und sein Verein «Gira Solidario» führten bisher um 30 Projekte durch, gaben 3700 Jugendlichen eine Zukunft und unterstützten zusätzlich unzählige Familien. Sie bilden alleinerziehende Mütter aus, stellen Werkzeug und Material zur Verfügung, damit diese mit dem Verkauf von selber hergestellten Produkten ein würdiges Leben führen können. Der Verein bringt etwas Hoffnung in die Elendsviertel von Brasilien.
Mord gab Ausschlag
Wie gross dieses Leid ist, erlebte Stephan Hofmann, als er 1999 als Tourist im Land unterwegs war. «Ich wurde Zeuge eines Mordes. Und das in 30 Metern Distanz zu mir», wirkt der Vereinsgründer auch heute noch schockiert. «Ein 14-jähriger Knabe kam aus einem Haus, schlenderte zu einem dösenden Taxifahrer, zog eine Pistole und erschoss ihn. Anschliessend nahm er dem Toten die billige Uhr ab und verschwand.» Diese Bilder liessen Hofmann nicht mehr los. Der selbstständige Produktedesigner fing an, sich mit der Geschichte von Brasilien zu befassen, um herauszufinden, wieso ein 14-Jähriger zu so einer Tat fähig ist. «Ich fragte mich immer wieder: Geht es mich etwas an? Und falls ja, was könnte ich dagegen tun?»
Er fand heraus, dass Europa und insbesondere Portugal bis heute Einfluss auf Brasilien haben. «Über Jahrhunderte wurden die Ureinwohner und die hergeführten Sklaven schlecht behandelt, um wertvolle Metalle und Hölzer billig aus dem Land zu exportieren», weiss er. «Das heutige Elend fusst auf dieser Kultur. Aufstiegschancen werden seit Generationen unterdrückt.»
Genau da setzt «Gira Solidario» an. Dieser Verein mit Sitz in Widen und in der brasilianischen Stadt Campo Grande ermöglicht zum Beispiel Jugendlichen aus ärmlichen Verhältnissen, eine Schreinerlehre zu absolvieren. «Sie lernen nicht nur die Bearbeitung, sondern auch, wie man die Produkte verkauft», so Hofmann. «Über viele Jahre habe ich in der Schweiz für meine Auftraggeber Kunden gefunden, das muss auch in Brasilien möglich sein», erklärt Hofmann seine Überlegung. So gibt es zum Beispiel ein Projekt, in dem die Menschen lernen, aus Abfall hochwertige Produkte zu kreieren.
Adoptiert durch ein Mädchen
Bis es so weit war, ging Hofmann einen langen Weg. «Ich benötigte zuerst die richtige Kontaktperson. Diese fand ich 2001. Sie half mir beim Einstieg. Plan war, dass ich für den Start des Vereins ein bis zwei Jahre hinüberfliege. Ich blieb bis heute», schmunzelt er. Verantwortlich dafür war ein kleines Mädchen, das er in einem Elendsviertel traf. «Es hatte keinen Vater und erklärte mich plötzlich zu seinem. Also blieb ich dort acht Jahre lang. Auch, um den Kontakt zu den Menschen und unseren Projekten zu halten.»
In dieser Zeit half er 50 Familien, aus der Abhängigkeit einer Firma zu entkommen. «Es gibt in Brasilien Köhlereien, in welchen Familien für eine Gesellschaft Kohle herstellen. Sie leben bei den Öfen, sind oft Analphabeten, kommen kaum von diesem Arbeits- und Wohnort heraus und sind auf Gedeih und Verderb an den Firmenchef gebunden», so Hofmann. Geld gebe es fast keines. Die produzierte Kohle würde gegen überteuerte Lebensmittel und Alltagsprodukte eingetauscht. Viele würden sich verschulden. 50 dieser Familien brachte der Verein weg vom Köhlergebiet. Sie wurden in Workshops in den verschiedensten Themen ausgebildet, was ihnen ein selbstständiges Leben ermöglichte. «Dabei lehren wir sie auch den Umgang mit Geld und Verträgen. Denn sonst würden sie Gefahr laufen, in neue Abhängigkeiten zu geraten», so der Vereinsgründer.
«Das lief natürlich nicht ohne Widerstand des Firmenbesitzers. Zudem mussten und müssen wir immer wieder Rückschläge hinnehmen, zum Beispiel, wenn sich Personen nicht in die gewünschte Richtung entwickeln.»
Geben nur den Dünger
Bei neuen Projekten hätten sie meist einen günstigen Rohstoff, bei dem sie sich fragen würden, was man daraus machen könnte, um ein Einkommen zu generieren. Trotz dem Erfolg ist «Gira Solidario» auf Geld aus der Schweiz angewiesen.
«Die Lehrer, Ausbildner, Psychologen und Sozialassistenten müssen bezahlt werden», so Hofmann. «Sie alle sind nötig, um die Familien und ihre Kinder in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Wir lassen sie nicht alleine, sondern begleiten die Familien teilweise jahrzehntelang.» Sinnbildlich gesprochen, würde er nur den Dünger geben. «Wachsen und gedeihen müssen diese Pflanzen aber selber.»
Stephan Hofmann weiss, dass er und sein Verein nur ein Tropfen auf den heissen Stein sind: «Kraft schöpfe ich aus dem Mantra meines Vaters, durch die vielen dankbaren Menschen und die vielen positiven Beispiele.» So sei ein einstiger Köhlerbub heute ein erfolgreicher Zahnchirurg. «Ich ging mit 50 nach Brasilien. Heute bin ich 70. Die müden Momente nehmen altersbedingt zu. Motiviert bin ich aber immer noch gleich wie am ersten Tag.»



