Kunst durch den «Spitalblick»
09.03.2021 MerenschwandSadhyo Niederberger aus Merenschwand ist Kunstbeauftragte des Kantonsspitals Aarau
Seit 13 Jahren betreut die gebürtige Merenschwanderin Sadhyo Niederberger nicht nur die spitaleigene Sammlung, sondern ist auch Kuratorin. Die Sammlung umfasst inzwischen rund 3000 Werke ...
Sadhyo Niederberger aus Merenschwand ist Kunstbeauftragte des Kantonsspitals Aarau
Seit 13 Jahren betreut die gebürtige Merenschwanderin Sadhyo Niederberger nicht nur die spitaleigene Sammlung, sondern ist auch Kuratorin. Die Sammlung umfasst inzwischen rund 3000 Werke und ist ständig in Bewegung.
Susanne Schild
Wer im Kantonsspital Aarau unterwegs ist, stösst immer und überall auf Kunst. Sie fügt sich wie selbstverständlich ins Spitalleben ein. Mal zart, mal stark, mal tiefgründig, mal beschwingt, lädt sie zu einem Dialog ein, der über den Alltag hinausführt. Im Eingangsbereich ist noch bis 30. April die Jahresausstellung «Mitarbeitende KSA» zu sehen. «Das ist die einzige Amateurausstellung, die wir jeweils hier im Hauptgebäude zeigen. Unter den 4500 Mitarbeitenden kommen einige erstaunliche Talente zum Vorschein. Auch professionelle Kunstschaffende befinden sich darunter», erklärt Sadhyo Niederberger. Jedes Jahr organisiert Sadhyo Niederberger drei Ausstellungen. So bleibt ihr in ihrem 40-Prozent-Pensum genügend Raum für die restliche Arbeit. Sie pflegt die Sammlung, lässt die Werke rahmen und restaurieren, diskutiert mit dem Innenarchitekten des Spitals, berät das Pflegpersonal, das die Bilder für die Patientenzimmer auswählt. Daneben bereitet sie den jährlichen Ankauf von rund dreissig Werken vor.
Ihr Büro befindet sich dort, wo die Bilder sind
Der Weg zu ihrem Büro führt durch die unterirdischen Korridore, welche die einzelnen Häuser verbinden. Dort unten wird das Essen angeliefert, werden Patienten auf andere Stationen gerollt. Hier kreuzen sich die Wege von Handwerkern, Pöstlern und medizinischen Fachleuten. Dort unten lagern auch die Werke, für die Sadhyo Niederberger zuständig ist. Als Kunstbeauftragte gehört sie dem Stab des CEO an und hatte anfänglich ihr Büro dort. «Doch ich bin am liebsten bei meinen Werken. Ich muss sie sehen und anfassen können. Deshalb habe ich mein Büro ins Lager verlegt.» Als Sadhyo Niederberger im April 2008 die Stelle der Kunstbeauftragten antrat, übernahm sie die Betreuung und Weiterentwicklung einer Sammlung, deren Anfänge in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts liegen. Damals kaufte der Kanton Aargau für das Spital erste Wandfreskos an. Später kamen Bilder und Druckgrafiken dazu, vermutlich Schenkungen von Künstlern und Ankäufe von Ärzten und Pfarrern. Ab den 1970er-Jahren engagierte sich der Kanton bei sämtlichen Um- und Neubauten mit geeigneten Anschaffungen. Seit 25 Jahren ist das Spital selbst Käufer.
Jede Abteilung hat ihren eigenen Charakter
«Nach der Pensionierung meiner Vorgängerin hat diese mir die Stellenausschreibung geschickt mit dem Vermerk, dass das doch etwas für mich wäre», erinnert sich Sadhyo Niederberger zurück. Nachdem sie das Inserat durchgelesen hatte, wusste sie sofort: «Das ist meine Stelle.» Gegenüber 100 Bewerbern hat sie sich damals durchgesetzt. «Ich bin glücklich, mir passt es. Hier möchte ich alt werden.» Ihren Entscheid hat die 59-Jährige noch keinen einzigen Tag bereut. «Herausforderungen gibt es immer, und das ist auch gut so.» Ein Spital sei ein komplexer Bereich, sehr gross, sehr hierarchisch und mit zahlreichen Abteilungen, von denen jede ihren eigenen Charakter und ihre eigenen Ansprüche habe.
Alles ist in Bewegung
«Momentan befindet sich das ganze Spital im Umbruch. Überall wird gebaut. Deshalb sind die Werke der Sammlung viel in Bewegung.» Jährlich finden drei- bis fünfhundert von ihnen einen neuen Platz. «Ich trage dauernd Kunst mir mir herum.» Wichtig ist ihr vor allem, dass die Kunst zum Wohlbefinden beiträgt, hilft ein schweres Schicksal zu ertragen. «Im Spital gelten andere Regeln als in einer hippen Galerie.» Hier gelte es vor allem, mit Hilfe der Kunst Türen zu öffnen, um die Gedanken weglenken zu können. Das Publikum konfrontiert sich im Spital, anders als in einer Galerie oder im Museum, oftmals unterbewusst mit der Kunst. Das Publikum ist hier bunt gemischt, zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten. Nicht jeder hat eine Affinität zur Kunst. «Ich kuratiere hier mit derselben künstlerischen Haltung wie sonst, aber sie ist gefiltert.» Sie habe sich einen «Spitalblick» angeeignet und lasse sich von ihm leiten, wobei sie immer wieder vorsichtig austeste, wo die Grenzen liegen.
Kunst als Reflexion mit sich und seiner Umwelt
Die Räumlichkeiten des Spitals dienen nicht als Hintergrund für die Kunst, sondern werden aktiv miteinbezogen. Die Hallen und Gänge werden Teil der Kunst. «Mich fasziniert, dass in der Konfrontation von Raum und Kunst inhaltlich Neues entsteht.» Im Spital würden sich dafür zahlreiche Gelegenheiten bieten. Die künstlerische Lust an der Auseinandersetzung mit der Umgebung prägt auch Sadhyo Niederbergers freiberufliches Schaffen. Seit 25 Jahren setzt sie sich mit immer wieder neuen Umwelten auseinander. Dazu beigetragen haben ihre verschiedenen Atelieraufenthalte im Ausland. Ob in Genua, Kairo, Barcelona oder Paris. Sie lässt sich auf die neue Umgebung und ihre Menschen ein, erfasst und hinterfragt sie. Entstanden ist im Laufe der Jahre ein breites Werk. Zeichnungen, Malerei, Frottagen, textile Objekte, Kunst am Bau und im öffentlichen Raum sowie interdisziplinäre Projekte. «Mein ganzes Leben befasse ich mich schon mit Kunst und ich dehne den Begriff immer weiter aus.» Kunst, soll bewirken, dass sich der Mensch tiefgehend mit etwas auseinandersetzt. Kunst als Reflexion mit sich und seiner Umwelt.
Die Kunst im Spital hat einen hohen Stellenwert
Kunst bedeutet für Sadhyo Niederberger mehr als nur Können. Kunst müsse etwas bewegen, manchmal auch Grenzen überschreiten. In ihrer Tätigkeit als Kunstbeauftrage im Spital kommt für Sadhyo Niederberger vieles zusammen, was ihre künstlerische Arbeit ausmacht. Letztlich sei es eine Mischung verschiedener Faktoren, die das Spital zu einem attraktiven Ausstellungsort macht. «Kunst im Spital wurde früher oftmals belächelt. Heute erfährt sie eine andere Gewichtung, hat einen hohen Stellenwert. Es erfüllt mich, immer wieder dazu einen Beitrag leisten zu dürfen.»