Geburtshelferinnen für Kröten
09.03.2021 MutschellenFreiwillige bringen Amphibien in den Gyrenweiher
Wenn die Temperaturen nachts nicht mehr unter den Gefrierpunkt sinken, machen sich Kröten, Frösche und Molche auf zu den Laichgewässern. Damit sie unterwegs von den Autopneus nicht zermanscht werden, helfen ...
Freiwillige bringen Amphibien in den Gyrenweiher
Wenn die Temperaturen nachts nicht mehr unter den Gefrierpunkt sinken, machen sich Kröten, Frösche und Molche auf zu den Laichgewässern. Damit sie unterwegs von den Autopneus nicht zermanscht werden, helfen ihnen Freiwillige ins Wasser.
Erika Obrist
Der Lichtkegel der Taschenlampe erhellt einen schmalen Streifen neben der Gyrenstrasse in Widen. «Da ist eine», sagt Angela Grüsner. Ich sehe nur dürre Blätter, die verrotten. Angela Grüsner bückt sich und hebt die Erdkröte auf, die farblich kaum zu unterscheiden ist von den braunen Blättern. «Mit den Jahren erhält man einen Blick dafür, wo die Tiere sind», sagt sie und legt die Erdkröte behutsam in den Blecheimer, den sie auf ihrer Tour immer dabei hat.
Es geht weiter die Gyrenstrasse entlang hoch Richtung Widen Dorf. Ein Zaun aus Platten trennt hier den Strassenraum vom angrenzenden Bachbett ab. Das Bauamt Widen hat den Zaun gestellt. Diesen Zaun entlang sollen Kröten, Frösche und Molche talwärts wandern. Hinunter zum Gyrenweiher. «Da ist wieder eine Kröte.» Sie ist anscheinend unter dem Zaun durchgekrochen. Geradewegs auf die gefährliche Strasse zu. Dieser Abschnitt ist zwar das ganze Jahr hindurch für den motorisierten Verkehr gesperrt; nur Zubringer dürfen durch, von denen es offenbar sehr viele gibt.
Je nach Anzahl in zwei Schichten unterwegs
Insgesamt 18 Freiwillige sind jeden Frühling beim Eindunkeln mit Taschenlampe und Eimer an den Strassen und Wegen unterwegs, die zum Gyrenweiher führen. Sie sammeln Erdkröten, Frösche und Molche ein und bringen die geschützten Tiere zum Weiher. So erhöhen sie die Überlebens- und Vermehrungschancen dieser Amphibien. Die Tiere kommen, wenn es wieder wärmer wird, aus den angrenzenden Wäldern und Wiesen – und sie müssen auf dem Weg zu ihrem Laichgewässer die Strasse überqueren. Deshalb haben die Gemeinden Eggenwil und Widen die Zufahrtsstrassen zu den Häusern in der Gyren nachts im Frühjahr für den Verkehr gesperrt.
Die Freiwilligen sind in kleinen Gruppen unterwegs. Die erste Schicht beginnt um 19 Uhr und ist bis gegen 20.30 Uhr vor Ort. Falls sehr viele Tiere unterwegs sind, kommt eine zweite Schicht dazu, die weitersammelt. An diesem Abend ist das nicht notwendig: Es sind nur wenige Kröten unterwegs. Frösche und Molche gar keine. «Es ist zu kalt», weiss Angela Grüsner. «Und die Bise, die nun bläst, mögen sie gar nicht.»
Es geht hinunter zum Gyrenweiher. Die Freiwilligen dürfen das Areal des Pächters neben der Fischerhütte benützen. Hier werden die Kröten am Rand des Wassers in die Freiheit entlassen. Ein Frosch sitzt da. Auch das Licht der Taschenlampe lässt ihn nicht in den Schutz der Dunkelheit fliehen. «Er wartet sicher auf ein Weibchen.»
Weniger Weibchen als Männchen
Jeannette Maurer Hartmann kommt hinzu. Sie hat eines der seltenen Weibchen eingesammelt. Auf dessen Rücken klammert sich ein Männchen fest. Unterwegs schon hat das Männchen sich ein Weibchen gesichert fürs Befruchten der Laichschnüre, welche das Weibchen ablegt. Kluges Männchen, gibt es doch weit weniger Weibchen als Männchen.
Seit zwölf Jahren sammeln Freiwillige beim Gyrenweiher Amphibien ein und sorgen dafür, dass sie nicht von Autos überfahren werden. Die Schächte der Strassenentwässerung haben sie mit einem Netz abgesichert, damit die Tiere nicht durch die Schlitze in den Schachtdeckeln fallen und mit dem Abwasser weggespült werden. Die Anzahl gesammelter Tiere wird fein säuberlich aufgeschrieben. «Ende Februar, als es schon frühlingshaft warm war, waren sehr viele Tiere unterwegs», weiss Jeannette Maurer. In diesen Tagen sind es weniger. Wann der Laichzug aufhören wird, kann sie nicht sagen. «Das bestimmt die Natur, das Wetter vor allem, nicht der Mensch.»
Kanton betreibt Monitoring
Im letzten Jahr haben die Freiwilligen insgesamt 1729 Tiere sicher in den Weiher gebracht, hauptsächlich Erdkröten. Im Vorjahr waren es 1176 Tiere. Die Zahlen gehen an ein vom Kanton beauftragtes Unternehmen, denn der Kanton betreibt ein Amphibienmonitoring. Es sind über hundert Stellen bekannt im Aargau, an denen Amphibien Strassen und Bahngleise überqueren. Überall sind Freiwillige im Einsatz. Pro Jahr werden an die 20 000 Kröten, Frösche und Molche eingesammelt und sicher über Strassen und Schienen getragen. Im Aargau kommen zwölf Amphibienarten vor; alle sind bundesrechtlich geschützt.
Beim Gyrenweiher in Widen packen Jeannette Maurer und Angela Grüsner Eimer und Taschenlampe weg. Genug getan für heute. Beinahe jedenfalls. Angela Grünser geht noch ein kurzes Stück die Wolfeggstrasse entlang mit mir mit. Und tatsächlich erblickt sie im Lichtkegel der Taschenlampe Kröten, die ich nicht einmal bei hellem Tageslicht hätte ausmachen können.



