Hoffen, Bangen – und Ärger
12.02.2021 BremgartenCorona-Shutdown: Bremgarter Läden haben massive Umsatzeinbussen zu beklagen
In der erneuten pandemiebedingten Ladenschliessung hilft das Onlinegeschäft nur bedingt.
André Widmer
Der zweite Shutdown im Dezember ...
Corona-Shutdown: Bremgarter Läden haben massive Umsatzeinbussen zu beklagen
In der erneuten pandemiebedingten Ladenschliessung hilft das Onlinegeschäft nur bedingt.
André Widmer
Der zweite Shutdown im Dezember hat die Einzelhandelsgeschäfte hart getroffen. Dass der Aargau die Ladenschliessungen vor den Nachbarkantonen anordnete und die schwierig nachvollziehbaren Kriterien, welche Branchen schliessen und wann Grossverteiler welche Sortimentsteile auch abdecken mussten, ärgert die Bremgarter Geschäftsinhaberin Karin Wyler von kyori: «Eine Willkür, die mich nervt.» Wyler hofft sehr, dass die Bremgarter Geschäfte und Restaurants diese Krise gut überstehen. Sie empfindet die Altstadt als eine Einheit. «Es ist eine Altstadt, die lebt, mit einem guten Spirit. Wir sind aufeinander angewiesen, wir befruchten uns gegenseitig.» Doch sie habe Angst, dass es zu Schliessungen kommen wird. Auch die anderen Ladeninhaberinnen, die diese Zeitung befragt hat, hadern mit dem Vorpreschen des Aargaus bei den Schliessungen des Einzelhandels und wie diese umgesetzt werden. Auch wenn es für den März mit der Wiedereröffnung nicht gerade rosig aussieht, bleibt Sandra Furrer von Furrers Wundertüte optimistisch. Wenn die Massnahmen ihre Wirkung zeigen und es wieder aufgehe, werde es hoffentlich gut laufen, meint sie. Es dürfte bei den Menschen Nachholbedarf bestehen, so die Hoffnung.
Umsatzeinbussen sind massiv
Coronakrise: Bremgarter Läden im erneuten Shutdown
Der zweite Shutdown im Dezember hat die Einzelhandelsgeschäfte hart getroffen. Insbesondere die Ladenschliessungen im Aargau noch vor den Nachbarkantonen sowie die Kriterien nach Branchen und Sortimenten ärgern die Bremgarter Ladeninhaberinnen.
André Widmer
Nächste Woche wird der Bundesrat voraussichtlich über die derzeit geltenden Massnahmen im Kampf gegen die Coronapandemie entscheiden. Nach den Äusserungen von Gesundheitsminister Alain Berset ist zu erwarten, dass diese bis in den März verlängert werden. Besonders hart trifft es die Einzelhandelsgeschäfte im Kanton Aargau, die im Gegensatz zum Rest der Schweiz schon vor den Festtagen schliessen mussten.
Für Karin Wyler, Inhaberin von kyori, ist die Coronapandemie mit den beiden monatelangen Schliessungen letzten Frühling und nun im Winter besonders hart. Das Geschäft an der Marktgasse 4 bietet Mode, Accessoires, Schmuck und Interieur. Die Umsatzeinbusse von kyori beträgt trotz mit viel Aufwand betriebenem Onlineshop rund 90 Prozent. Der Modebereich ist ein sehr wichtiger Geschäftszweig des Shops. So haben die beiden Schliessungen die saisonale Planung bei der Vorbestellung der Modeartikel vollständig durcheinandergebracht. Denn die Kleider müssen jeweils Monate vor der Saison bestellt werden; beim schwierig zu prognostizierenden Pandemieverlauf eine Quadratur des Kreises sozusagen. «Ich weiss nicht, wie viel ich investieren soll, was noch passieren wird», so Karin Wyler. So bleibt sie auch auf Ware, die in den Ausverkauf gehen würde, sitzen. «Ich muss einen hohen fünfstelligen Betrag ans Bein streichen. Ich kann das nicht x-mal stemmen», schildert sie. Wenigstens konnte sie einen gewissen Teil in einem von mehreren Modegeschäften koordinierten Ausverkauf im Kanton Zürich absetzen, doch das macht die Einbussen leider nicht wett. Beim Onlineshop habe sie zwar gute Kunden, doch es komme auch viel Ware wieder retour, so wegen der Grösse.
«Das macht mich traurig»
Der administrative Aufwand, Härtefallgelder zu beantragen, sei beachtlich, dafür müsse man extra einen Buchhalter beauftragen, schildert Karin Wyler. Diese Gelder kämen auch nicht sofort. «Ich bin dankbar dafür, aber es ist nicht einfach.» Bis jetzt hat sie von den Geldern noch nichts gesehen. «Das macht mich traurig.» Dass der Aargau die Ladenschliessungen vor den Nachbarkantonen anordnete und die schwierig nachvollziehbaren Kriterien, welche Branchen schliessen und wann Grossverteiler welche Sortimentsteile auch abdecken mussten, ärgert die Bremgarter Geschäftsinhaberin. «Eine Willkür, die mich nervt», sagt sie. Karin Wyler hofft sehr, dass die Bremgarter Geschäfte und Restaurants diese Coronakrise gut überstehen. Sie empfindet die Bremgarter Altstadt als eine Einheit. «Es ist eine Altstadt, die lebt, mit einem guten Spirit. Wir sind aufeinander angewiesen, wir befruchten uns gegenseitig.» Doch sie habe Angst, dass es zu Schliessungen kommen wird.
Weihnachtsgeschäft futsch
Ja, bei den Bremgarter Geschäften ist denn auch der Ärger über diese frühen Massnahmen besonders gross. Corinna Sorg von der Bijouterie am Bogen: «Das Hauptweihnachtsgeschäft hat uns der Regierungsrat ge- « Das war ein nommen.» Und sie spricht aus, was auch die anderen Landeinhaber kritisieren: wie interpretiert wird, was denn Güter des täglichen Bedarfes sein sollen. Auch könnten gewisse Dienstleister, die näher und länger an den Kunden arbeiteten, diese Leistungen anbieten, während Läden mit wenig und kürzerer Frequenz schliessen mussten. Für Corinna und Rainer Sorg, die neben dem Geschäft in Bremgarten auch eine Filiale in Zofingen betreiben, war es besonders bitter, dass mit der Schliessung vor den Festtagen die potenzielle Kundschaft in den Kanton Zürich beziehungsweise Solothurn ausweichen konnte. Man hätte sich eine gesamtschweizerische Lösung gewünscht.
Das Onlinegeschäft kann die persönliche Beratung vor Ort nicht ersetzen. Immerhin darf die Bijouterie am Bogen, die auch Uhren im Sortiment führt, Reparaturen und Batteriewechsel ausführen. Verkäufe nur gegen Bestellung und per Abholung. Die Umsatzeinbusse beziffert Corinna Sorg auf 75 bis 80 Prozent. So musste man denn auch vier Mitarbeiterinnen in die Kurzarbeit schicken, der als Selbstständiger auf Mandatsbasis arbeitende Uhrmacher hingegen «fällt durch alle Maschen», so Corinna Sorg. Menschlich sehr enttäuscht ist man vom Vermieter, der sich explizit gegen eine Mietzinsreduktion ausgesprochen hat – obwohl man das Lokal hier seit 12 Jahren miete und immer pünktlich Miete bezahlt habe. «Etwas vom Enttäuschendsten in dieser Coronakrise.»
In der ersten als auch in der zweiten Welle jetzt lief das Onlinegeschäft nicht gut. Für die Bijouterie am Borgen ein Lichtblick ist lediglich die Stammkundschaft, die ihr die Treue halte. «Es sind nette Kunden, die uns unterstützen.» Ein Mann zum Beispiel habe, statt eine Hochzeitstagsreise zu buchen, einen Ring bestellt.
Positives Sommergeschäft
Seit mittlerweile sieben Jahren betreibt Kerstin Di Gregorio das Crea-Flair-Bernina-Nähcenter im Städtli von Bremgarten. Mit dem Standort an der Schlössligasse 1 ist sie etwas von der frequentierten Marktgasse entfernt, sie darf jedoch auf eine grosse Stammkundschaft zählen. Diese hält ihr jetzt auch im zweiten Lockdown die Treue. Die Geschäftsinhaberin kann diese im Heimlieferdienst oder auf Abholung mit Produkten versorgen. «Ich bin unheimlich dankbar für die Kunden, die die kleinen Läden unterstützen.» Zwei Mal in der Woche bietet Di Gregorio im Geschäft einen Abholdienst und Reparaturannahme für Nähmaschinen an. Doch auch Kerstin Di Gregorio beziffert den Umsatzeinbruch auf rund 80 Prozent. Eine Mitarbeiterin ist in Kurzarbeit. Positiv sei die Sommersaison gewesen, wo speziell Touristen aus der ganzen Schweiz den Weg in ihr Geschäft gefunden haben.
Rund 400 Stoffmasken verkauft
Und: Di Gregorio konnte bisher rund 400 selbst angefertigte Antiviren-Stoffmasken verkaufen, zudem noch Täschli für Masken. «Ich habe Masken noch im Schlaf genäht», meint sie verschmitzt dazu. Für sie erfreulich auch, dass die Vermieterin ihr mit der Miete entgegenkommt. Kritisch äussert sich die Geschäftsinhaberin von CreaFlair hingegen auch zum Aargauer Sonderweg mit den Ladenschliessungen noch vor den Festtagen. «Das war ein Hin und Her, keiner kam mehr draus, wer noch offen haben und wer zumachen musste.» Und Kerstin Di Gregorio sieht die Definition der Branchen, die noch geöffnet haben dürfen, ebenfalls als hinterfragenswert an, nennt die Festlegung «willkürlich».
Präsentation am Schaufenster
Bei Furrers Wundertüte Buch und Spiel beträgt die Umsatzeinbusse derzeit rund 75 Prozent. «Es zehrt an den Reserven», sagt Inhaberin Sandra Furrer zu den finanziellen Auswirkungen der behördlich verordneten Schliessung derzeit. Sie ist dennoch praktisch jeden Tag im Ladenlokal, denn es sind hinter der verschlossenen Ladentür verschiedene Arbeiten zu erledigen. Einerseits erhält sie insbesondere Bestellungen per Mail, telefonisch oder über den Onlineshop. Andererseits nutzt Furrer die frei gewordene Zeit auch für eine Inventur. Auch gibt es noch vereinzelt Vertreterbesuche. Und weil das Sortiment à jour gehalten wird, treffen auch öfters Warenlieferungen ein. Sandra Furrer hat zudem eine innovative Idee: Wünschen Kunden Bücher, Spiele oder Spielsachen zu einem bestimmten Thema oder für einen bestimmten Anlass zu sehen, legt sie eine Auswahl im Schaufenster aus. Abgeholt wird einzeln auf Terminvereinbarung, damit nicht mehrere Kunden gleichzeitig kommen. Furrer verweist darauf, dass beim Onlinegeschäft die Bücher besser verkauft werden.
Zuversicht für das Danach
Auch wenn es für den März mit der Wiedereröffnung nicht gerade rosig aussieht, bleibt Sandra Furrer optimistisch. Wenn die Massnahmen ihre Wirkung zeigen und es wieder aufgehe, werde es hoffentlich gut laufen, meint sie. Es dürfte bei den Menschen Nachholbedarf bestehen. Und auch Sandra Furrer bemängelt, wie es im Dezember bezüglich der Schliessungen im Aargau gelaufen sei. Da diese Tage vor Weihnachten normalerweise die umsatzstärksten sind. «Viele haben gesagt, dann würden sie halt nach Zürich gehen.» Dass gewisse Geschäfte ihre Produkte erst bei der nationalen Schliessung absperrten, während die Einzelhändler schliessen mussten, empfindet Furrer als ungerecht. Wegen den Fallzahlen habe man handeln müssen. Bezüglich der Schliessungen ist ihre Meinung aber ganz klar: «Es muss gerecht sein. Für alle.»




