Einsatz für Mensch und Umwelt
23.02.2021 MutschellenMaria Engel nimmt regelmässig an der Mahnwache vor dem Ensi teil
Am 11. März jährt sich zum zehnten Mal die Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima. Atomkraftgegner in der Schweiz fordern seither vehement, dass das AKW Beznau abgeschaltet wird. Auch Maria ...
Maria Engel nimmt regelmässig an der Mahnwache vor dem Ensi teil
Am 11. März jährt sich zum zehnten Mal die Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima. Atomkraftgegner in der Schweiz fordern seither vehement, dass das AKW Beznau abgeschaltet wird. Auch Maria Engel.
Erika Obrist
Menschen, die ihre Überzeugung auch in der Kleidung zum Ausdruck bringen, ziehen neugierige und zum Teil verwunderte Blick auf sich. Manchmal werden sie belächelt. Maria Engel aus Widen macht aus ihrer Überzeugung keinen Hehl, wenn sie mit dem Zug nach Brugg fährt zur Mahnwache vor dem Sitz des schweizerischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi). Sie trägt den weissen Helm mit den Slogans gegen die Atomkraft und gegen das Ensi selbstbewusst. Den Sticker an der Jacke mit dem Aufdruck «Atomkraft? Nein danke» ebenso.
Sie werde selten wegen des Helms angesprochen, sagt die 73-Jährige. Wenn doch, dann eher von jungen Leuten. Meist fehle aber die Zeit für ernsthafte Gespräche. «Manchmal ist es schon frustrierend, dass sich kaum jemand für unsere Anliegen interessiert», gesteht Maria Engel.
Die «Spinner» sind keine mehr
Ihr Engagement für eine bessere Umwelt hat Maria Ernst bei der Schweizerischen Vereinigung für Solarenergie begonnen. «Die ersten Leute, die Sonnenkollektoren auf dem Hausdach installierten, wurden als Spinner beschimpft», weiss sie. Heute sind Photovoltaikanlagen beinahe eine Selbstverständlichkeit.
Von den erneuerbaren Energien zur Gegnerin der Atomkraft ist es nicht weit. Regelmässig nimmt sie an der Mahnwache vor dem Ensi in Windisch teil, mit der an die Atomkatastrophe in Fukushima erinnert und das Abschalten des AKW Beznau gefordert wird. «Das Ensi sollte für die Sicherheit der Bevölkerung sorgen, doch es vertritt die Interessen der Atomlobby», sind Maria Engel und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter überzeugt. Maria Engel ist auch Mitglied der Klima-Senioren in der Schweiz. Seit bald zwanzig Jahren setzt sie sich zudem gegen die Zerstörung der Urwälder ein und für die Rechte der indigenen Völker auf der ganzen Welt.
Aufgeben? Kommt nicht infrage
Maria Engel nahm zum 75. Mal an der Mahnwache vor dem Ensi in Brugg teil
Gegnerinnen und Gegner der Atomkraftwerke treffen sich regelmässig vor dem Sitz des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) in Brugg-Windisch zur Mahnwache. Unter ihnen auch Maria Engel aus Widen.
Erika Obrist
«Ich musste in meinem Leben oft kämpfen», sagt Maria Engel-Bommer. Als «Schwabenkind» in der Ostschweiz gegen die Vorurteile von Kindern und Erwachsenen. In der Schule, bei der Lehrstellensuche, später für die eigenen Kinder. Für den Einsatz erneuerbarer Energien und gegen die Atomkraft.
Mit dem Zug fährt die 73-Jährige zur Mahnwache der Atomkraftgegnerinnen und Atomkraftgegner nach Brugg. An der Jacke trägt sie den bekannten «Atomkraft? Nein danke»-Sticker. Auf dem Kopf thront ein weisser Helm. «Beznau abschalten. Sofort», steht drauf. Und «Ensi: Die Blackbox». Dazu «Atomstrom – die teuerste Lüge».
Erinnern an Fukushima
Wird sie wegen des Helms angesprochen im Zug? «Selten», sagt Maria Engel. Wenn doch, dann seien es meistens junge Leute. Ausführliche Gespräche ergäben sich jedoch kaum. «Alle haben es immer eilig.» Keine Zeit zum Diskutieren.
In Windisch, gleich gegenüber dem Bahnhof Brugg, trifft sie auf Gleichgesinnte. Wegen Corona dürfen sich nur fünf Leute versammeln. «Wir waren auch schon 750.» Als Mahnung an die Katastrophe von Fukushima, die sich am 11. März zum zehnten Mal jährt, stehen sie von Montag bis Donnerstag von 17 bis 18 Uhr still vor dem Hauptsitz des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi). «Dieses sollte für die Sicherheit der Bevölkerung sorgen, doch es vertritt die Interessen der Atomlobby», sagt Maria Engel.
Beznau abschalten
Wer bei der Mahnwache mitmache, komme aus der ganzen Schweiz, aus allen vier Landesteilen, fährt Maria Engel weiter. Jetzt, da sie wegen der Pandemie nur noch zu fünft vor dem Eingang stehen dürfen, sind es meist Leute aus der Region. Vehement fordern sie die Abschaltung des Atomkraftwerks Beznau, des Uralt-Reaktors aus dem Jahr 1969, der auf einer künstlichen Aare-Insel steht. «Beznau hat eine grosse Mängelliste: Der Hochwasserschutz ist nicht gewährleistet, die Erdbebensicherheit ebenso wenig», weiss Maria Engel aus vielen Fachtagungen, die sie bei der Schweizerischen Energiestiftung besucht hat, und aus Gesprächen mit Gleichgesinnten. Erst letzte Woche konnte man zudem in der Presse lesen, dass ein Montagefehler an zwei Notstromaggregaten im AKW Beznau fast 30 Jahre lang unentdeckt blieb. Die fehlenden Bauteile hätten bei einem Erdbeben die starken Schwingungen abfedern sollen. Weder die Betreiberin des Atomkraftwerks hat den Fehler bemerkt noch das Ensi.
«Steter Tropfen höhlt den Stein»
Seit fast zehn Jahren stehen sie vor dem Ensi. Maria Engel an diesem Abend zum 75. Mal. Etwa einmal im Monat mache sie mit – obwohl bisher kein Erfolg sichtbar ist. «Es ist schon etwas frustrierend, dass sich kaum jemand für unser Anliegen interessiert», gesteht sie. Es habe sich so wenig getan in der Schweiz seit der Katastrophe von Fukushima. Trotzdem ist sie nicht bereit, die Faust im Sack zu machen. Sie steht hin und sie steht zu ihrer Meinung. Und gegenseitig richte man sich immer wieder auf. Aufgeben? Kommt nicht infrage für Maria Engel. «Steter Tropfen höhlt den Stein», ist sie sich sicher. Diese Erfahrung hat sie bei ihrem Kampf für den Einsatz von erneuerbaren Energien gemacht. Sie hat sich in der Schweizerischen Vereinigung für Solarenergie (SSES) eingesetzt, war hier auch ein paar Jahre im Vorstand. «Die ersten Leute, die Sonnenkollektoren auf den Dächern anbrachten, wurden als Spinner beschimpft», blickt Engel zurück. «Als ich zur SSES kam, waren sie bereits keine Spinner mehr.» Auch in Widen galten sie nicht als Spinner, als ihr Mann und sie – wie viele andere auch – eine Photovoltaikanlage aufs Dach bauten. «Diese produziert doppelt so viel Strom, wie wir im Jahr verbrauchen.» Dann stiegen sie auf ein Elektrofahrzeug um und installierten eine Ladestation in der Garage. Zuletzt wurde die Ölheizung durch eine Wärmepumpe mit Erdsonde ersetzt. «Ja, ich bin eine Umweltschützerin», sagt Maria Engel. Nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten.
Einsatz auf vielen Gebieten
In die Wiege gelegt wurde Maria Engel der Einsatz für die Umwelt nicht. Sie ist in der Ostschweiz aufgewachsen. Ihre Eltern waren aus Deutschland zugezogen. Sie hat Floristin gelernt, später folgte eine Umschulung zur technischen Zeichnerin. Mit ihrem Mann ist sie 1976 nach Brasilien ausgewandert. Dort hat sie bei einem deutschen Konzern als technische Zeichnerin gearbeitet. 1982 kam die Familie zurück in die Schweiz, seit 1985 lebt sie in Widen. Nach dem Grossziehen der beiden Söhne machte sie ein Diplom in Gerontologie und arbeitete in der Pflege sowie im Hausund Betreuungsdienst. Während 15 Jahren hat sich Maria Engel in der Bildung im Aargau engagiert, speziell als Elternvertreterin für Kinder mit Lernschwierigkeiten. Dass sie sich für die Natur und die Umwelt einsetze, sei nach und nach gekommen. Neben dem Einsatz gegen die Atomkraft und für erneuerbare Energien ist sie seit 2017 auch Mitglied der Klima-Senioren. Natürlich hat sie an mehreren Streiks der Jungen mitgemacht: in Bern, in Zürich, in Baden. Schliesslich engagiert sie sich seit bald zwanzig Jahren gegen die Zerstörung der Urwälder sowie gegen die Vertreibung und Ermordung der indigenen Völker auf der ganzen Welt. Sie unterstützt diverse Vereine, die auf diesem Gebiet tätig sind. «Aber hier beschränkt sich meine Mitarbeit auf die Teilnahme an der Generalversammlung, auf das Versenden von Protestmails, das Verteilen von Infos und auf einzelne Einsätze pro Jahr.»
Wahrhaftig, Maria Engel ist eine Kämpferin für eine intakte Umwelt und eine gerechtere Welt. Und an die Mahnwache in Brugg-Windisch möchte sie wieder öfter gehen.



