Der Umwelt zuliebe
05.02.2021 MutschellenMit Anna Büsser auf «Fötzeli»-Tour
«Bei der Arbeit sitze ich im Bürostuhl, hier kann ich mich an der frischen Luft bewegen; das tut mir gut», sagt Anna Büsser aus Widen. Die 56-jährige Konferenz- und Justizdolmetscherin sammelt in ihrer ...
Mit Anna Büsser auf «Fötzeli»-Tour
«Bei der Arbeit sitze ich im Bürostuhl, hier kann ich mich an der frischen Luft bewegen; das tut mir gut», sagt Anna Büsser aus Widen. Die 56-jährige Konferenz- und Justizdolmetscherin sammelt in ihrer Freizeit Unrat ein auf dem Mutschellen. «Weil mir die Natur und eine intakte Umwelt am Herzen liegen.» Von den Bauämtern der Gemeinden weiss sie, wo sich die Abfallhotspots der Region befinden. Die Redaktion hat Anna Büsser auf einer ihrer «Fötzeli»-Touren begleitet. --eob
«Die Natur liegt mir am Herzen»
Anna Büsser sammelt in ihrer Freizeit Unrat ein
«Nach mir die Sintflut» scheint das Motto einiger Leute im Umgang mit Abfall zu sein. Sie werfen Dosen, Verpackungen und Zigarettenstummel achtlos weg. Anna Büsser rückt diesem Unrat zu Leibe.
Erika Obrist
«Es ist mir unbegreiflich, weshalb die Leute ihren Abfall nicht in den Kübeln entsorgen, die in grosser Zahl bereitstehen.» Anna Büsser steht auf dem Parkplatz der Kreisschule Mutschellen und blickt um sich. Dosen und Verpackungsmaterial von Süssigkeiten liegen herum. Kein schöner Anblick.
Seit letztem Sommer sammelt die 56-Jährige aus Widen in ihrer Freizeit Abfall ein. Auf dem Mutschellen, aber auch in Dietikon und Bergdietikon. Sie hat sich bei den Leitern des örtlichen Bauamts gemeldet. Diese sind noch so froh über Büssers Tätigkeit. Sie erhielt von ihnen Greifzangen und Abfallsäcke. «Remo Graf in Berikon gab mir zudem eine Karte mit den Abfall-Hotspots in der Gemeinde», sagt Anna Büsser. «In Widen ist bereits ein Mann regelmässig unterwegs und liest Abfall auf, deshalb haben wir das Gebiet aufgeteilt.»
In Übersee aufgewachsen
Das Kreisschulareal in Berikon ist ein Hotspot. Hier gehen unter der Woche mehr als 450 Jugendliche und Erwachsene ein und aus. Zudem führen öffentliche Spazierwege über das Gelände. Anna Büsser trägt Schutzkleidung, wie man sie von den Mitarbeitern der Bauämter kennt. Kehrichtsäcke und Greifzange sind bereit. «Wollen Sie auch eine?», fragt sie mich. Selbstverständlich. Los gehts im leichten Nieselregen am Sonntag kurz vor Mittag.
Neben PET-Flaschen und Dosen wandern Kugelschreiber, Bleistifte, Radiergummis und Fadenspulen vom Boden in den Abfallsack. Wohl aus Übermut oder Frust aus dem Schulzimmer geworfen. Dazu kommen Gesichtsmasken unterschiedlichster Farben. Es sind nicht allzu viele angesichts der Menschenmassen, die sich auf dem Areal bewegen.
Anna Büsser ist in Kanada, in den USA und auf Jamaika aufgewachsen. Ihre Mutter ist Kanadierin, ihr Vater Schweizer. Gesprochen wurde daheim französisch und englisch. In die Schweiz kam die Familie im Jahr 1978. Sie besuchte eine Privatschule, dann absolvierte sie erfolgreich die Aufnahmeprüfung an die Kantonsschule. Nach der Kanti in Wohlen begann sie ein Architekturstudium, das sie aber nicht beendete. Anna Büsser arbeitete in mehreren multinationalen Firmen, in denen ihre Fremdsprachenkenntnisse zum Tragen kamen. Schliesslich hat sie im Kanton Zürich die Ausbildung zur Konferenz- und Justizdolmetscherin absolviert. «Ich bin selbstständig auf diesem Beruf», sagt sie. Nun macht sie noch eine Ausbildung zum Coach; in Lenzburg hat sie ein Büro eröffnet.
Leute zeigen sich dankber
«Eine Kollegin aus Dottikon hat mich inspiriert, Abfall im öffentlichen Raum einzusammeln», erzählt sie weiter. «Die Natur und eine intakte Umwelt liegen mir am Herzen.» Das «Fötzele» sei eine willkommene Abwechslung zu ihrem Beruf, den sie hauptsächlich sitzend ausübt. «Ich bin draussen und bewege mich», nennt sie die Vorzüge ihrer Tätigkeit. «Und viele Leute, die vorbeigehen, bedanken sich bei mir.» Zum Teil ergäben sich daraus interessante Gespräche. Die Worte sind kaum ausgesprochen, bleibt eine Frau in Joggingausrüstung stehen, lobt Anna Büsser für ihr Tun und fragt: «Haben Sie eventuell einen Schlüssel gefunden?»
Die Bälle bringt sie zurück
Nein, einen Schlüssel hat sie nicht aufgelesen. Dafür eine Zwiebel, mehrere Rüebli, eine Kartoffel. Es reicht fast für einen Auflauf zum Zmittag. «Ich ernähre mich seit einiger Zeit vegan, seither fühle ich mich besser.» Doch diese Lebensmittel landen nicht auf dem Teller, sondern im Kehrichtsack. Ebenso wie die beiden Nuggi, die neben dem Spazierweg lagen.
Nicht im Sack verschwinden diverse Geldstücke und eine anscheinend noch neue Taschenlampe. Ebenso wenig ein Tischtennisball, der mit «Ivan» beschriftet ist, und mehrere Baseballbälle, die Anna Büsser aus dem Gebüsch neben der Laufbahn holt. Sie sind allesamt mit «KSM» (Kreisschule Mutschellen) angeschrieben. «Die bringe ich zurück, sobald die Schulferien vorbei sind.»
Inzwischen hat es aufgehört zu regnen. Im Gebüsch am Ende der Tartanbahn verrotten jede Menge Zitronen und Orangen. «Hier zeigt sich deutlich, wie lange es dauert, bis auch der organische Abfall von der Natur abgebaut wird.» Wir lassen die faulen Früchte liegen. Alles andere wird eingesammelt.
Wird sie ihrer Tätigkeit nicht überdrüssig? Anna Büsser blickt verständnislos. «Ich bin an der frischen Luft. Die Orte, an denen ich unterwegs bin, wechseln regelmässig. Dazu kommen die Leute, die sichtbar Freud haben an meinem Tun», zählt sie Gründe auf für die Tatsache, dass sie auch weiterhin von Hotspot zu Hotspot unterwegs sein wird. Das ist für sie Motivation genug. Und das Wissen, dass die meisten Menschen eine saubere Umwelt schätzen. «Es wäre schön, wenn auch andere es mir gleichtun würden und vielleicht einmal im Monat oder einmal im Quartal in ihrem Quartier Abfall einsammeln.» Sich auch beim Spaziergang die Mühe machen und Unrat am Wegrand aufheben und daheim oder im nächsten Abfalleimer entsorgen.
Dass Anna Büsser selber nichts achtlos wegwirft, versteht sich von selber. «Ich versuche auch daheim, möglichst keine Lebensmittel zu verschwenden und die Abfallmenge so gering wie möglich zu halten.» Auch hier: Würden es ihr viele gleichtun, wären die Abfallberge bedeutendkleiner.
70 Liter Müll
Nach dreieinhalb Stunden sind wir zurück auf dem Parkplatz der Kreisschule. Gut 70 Liter sind zusammengekommen. Selbst Büsser macht grosse Augen ob der Menge. «Ich war Anfang Januar schon einmal hier. Damals hatte es deutlich weniger.» Sie desinfiziert die Greifzangen. «Damit ich beim nächsten Mal gleich loslegen kann.» Die beiden Säcke verstaut sie im Kofferraum. «Ich kann sie beim Bauamt Berikon kostenlos abgeben.» Einen Schluck Tee aus der Thermoskanne noch, dann geht es nach Hause.
Beinahe jedenfalls. Bei ihrer Fahrt Richtung Widen macht Anna Büsser noch rasch halt beim Grüenegg-Center in Berikon. Ebenfalls ein Hotspot. Fischt allerlei Weggeworfenes aus den Rabatten. Das macht das Mitglied des Natur- und Vogelschutzvereins Berikon und Umgebung oft, wenn es unterwegs ist: anhalten und Abfall am Wegrand einsammeln. Der Natur und der Umwelt zuliebe.





