«Wollen nicht vergessen werden»
29.01.2021 BremgartenCoronapandemie: Bremgarter Gastronomiebetriebe und die temporäre Zwangsschliessung
Nach jenem im Frühling mussten Restaurants und Bars wieder in den Shutdown. Der ungewisse Zeitpunkt für eine Wiedereröffnung und die wirtschaftlichen Einbussen nagen an ...
Coronapandemie: Bremgarter Gastronomiebetriebe und die temporäre Zwangsschliessung
Nach jenem im Frühling mussten Restaurants und Bars wieder in den Shutdown. Der ungewisse Zeitpunkt für eine Wiedereröffnung und die wirtschaftlichen Einbussen nagen an der Substanz der Betreiber.
André Widmer
Wie geht es den Bremgarter Gastrobetrieben? Mit der zweiten Welle und dem erneuten Shutdown, der noch mindestens bis Ende Februar andauern soll, dürfen sie derzeit keine Gäste vor Ort bewirten. Einige betreiben ein Take-away – doch dies ist rein wirtschaftlich eher ein «Tropfen auf den heissen Stein», wie beispielsweise Juri Tirez vom «Stiefelchnächt» erklärt. Für ihn, aber auch Ralph Kilcher und Monika Seewald vom Restaurant Haus zum Löwen bedeutet das Angebot aber immerhin noch, dass man in den langen Wochen der Schliessung mit den Kunden im Kontakt bleiben kann. Denn: «Wir wollen nicht vergessen werden.» Jeder Kunde, der vorbeikäme, sei eine schöne Erfahrung. «Man muss sich an diesen Erlebnissen halten», so Manuela Seewald.
«Ich verstehe den Bundesrat nicht»
Sehr kritisch äussert man sich beim Restaurant Bijou. Die finanzielle Situation ist auch dort alles andere als einfach. Drei Angestellte wurden mittlerweile entlassen, neun sind in Kurzarbeit. Die Fixkosten nagen an der wirtschaftlichen Substanz. «Man macht die Gastronomie zu, obwohl sie kein Hotspot ist. Ich verstehe den Bundesrat nicht», sagt Inhaber Roger Nauer. Dass jetzt der Reproduktionswert bei den Neuinfektionen unter 1 gefallen ist und man trotzdem keine Lockerungen vorsieht, ist einer der vielen Widersprüche, die Nauer derzeit ausmacht.
Ennet der Reuss an der Luzernerstrasse hat Roger Eichenberger mit Piyawat Promee im August das «Lemon-Chili» eröffnet «Die Situation ist nicht gerade lustig. Wir würden lieber arbeiten», so Eichenberger. Natürlich hat auch dieser Betrieb laufende Fixkosten, die er bestreiten muss. «Ich muss privates Geld einschiessen», sagt Peter Eichenberger.
An die Reserven
Coronapandemie: Eine schwere Zeit für die Bremgarter Gastroszene
Mit der zweiten Welle der Pandemie mussten Restaurants und Bars erneut behördlich verordnet schliessen. Finanziell geht es den Gastronomen massiv an die Substanz. Sie hoffen auf eine Öffnung Ende Februar.
André Widmer
«Liebe Gäste! Auf Anordnung des Bundes müssen wir unser Restaurant schliessen», steht auf dem Schild vor dem Restaurant Bijou. Schnee liegt auf der Terrasse. Dem beliebten Lokal mit Blick auf die Reuss geht es derzeit wie allen anderen Gastronomiebetrieben: zwangsverordnete temporäre Schliessung aufgrund der Coronapandemie. Und das nun schon seit einem Monat und noch mindestens einen weiteren Monat. Ob es gar noch länger dauert, ist derzeit unklar. «Man macht die Gastronomie zu, obwohl sie kein Hotspot ist. Ich verstehe den Bundesrat nicht», sagt Inhaber Roger Nauer. Dass jetzt der Reproduktionswert bei den Neuinfektionen unter 1 gefallen ist und man trotzdem keine Lockerungen vorsieht, ist einer der vielen Widersprüche, die Nauer derzeit ausmacht. Und: «Berset schiebt die Verantwortung auf die Kantone.»
Altersvorsorge «angezapft»
Eigentlich ist im Restaurant Bijou ein Generationenwechsel angesagt. Sohn Dominik, der in der Küche bereits das Zepter schwingt, wird bald in dritter Generation übernehmen. Die Pandemie hat aber nun den Seniorchef unerwartet und in massivem Ausmass nochmals in die Verantwortung genommen. Bereits in der ersten Welle. «Ich habe die ganze Altersvorsorge in den zwei Monaten Lockdown im Frühling verbraucht», erklärt Roger Nauer. Er ist zwar Eigentümer des Gebäudes, aber die Fixkosten, die auch während der Schliessung anfallen, gehen an die Substanz: «Das Gebäude muss geheizt werden. Und dann sind da noch die Serviceverträge.» Diese laufenden Kosten könne man nicht einfach sistieren. Personell musste Nauer reagieren: Drei Angestellten hat er gekündigt, neun weitere sind in Kurzarbeit.
Auch wenn der Sommer mit zusätzlichen Plätzen auf den Terrassen vergleichsweise gut verlief, ist die zweite Welle auch für das «Bijou» hart. Die fehlende Perspektive nagt. «Ich habe keine Ahnung, wie lang das geht», sagt Roger Nauer. «Auch psychisch macht man etwas mit», ergänzt Dominik Nauer. Der Anblick der leeren Sitzplätze setze einem zu. Auch wenn man zuversichtlich sein möchte und die Härtefallhilfe angekündigt ist, warnt Roger Nauer: «Bis ausbezahlt wird, stehen viele schon knietief im Wasser.» Wenn das Geld komme, komme es zu spät. «Die Zahlen von Gastrosuisse rechnen mit Konkursen von 40 bis 50 Prozent der Betriebe.»
Eröffnung in der Pandemie
Ennet der Reuss, an der Luzernerstrasse, hat Peter Eichenberger zusammen mit Lebenspartner Piyawat Promee im August das «Lemon-Chili» eröffnet. Das Restaurant hat sich auf qualitativ hochklassige thailändische Küche spezialisiert. Deshalb kommt in der aktuellem Phase auch kein Take-away in Frage – weil man mit hochwertigen Zutaten arbeitet, wäre der Verkaufspreis zu hoch. «Wir würden den Namen des Restaurants schädigen, wenn wir günstige Zutaten verwenden würden», so Eichenberger. Und der Aufwand, genügend Umsatz zu genieren, wäre schlicht viel zu gross. In der kurzen Zeit seit der Neueröffnung und bis zum zweiten Corona-Shutdown ist das «Lemon-Chili» sehr gut gelaufen, schildert der Chef. Von den 60 Plätzen konnte man 52 mit Schutzkonzept betreiben, konnte sich ein Stammpublikum erarbeiten. Das «Lemon-Chili» hat bezüglich des Schutzkonzeptes investiert und dezent wirkende Trennscheiben in stylischen Halterungen angeschafft, was dem edlen Dekor entspricht.
«Die Situation ist nicht gerade lustig. Wir würden lieber arbeiten», so Eichenberger. Natürlich hat auch dieser Betrieb laufende Fixkosten, die er bestreiten muss. «Ich muss privates Geld einschiessen. «Wir haben offene Rechnungen, aber die Bezahlung ist am Laufen», schildert er. Eichenberger lobt den Kanton. Der Shutdown sei richtig und der Aargau mache einen guten Job. Bei den A-fonds-perdu-Beiträgen mache der Aargau mehr als der Bund. «Ein riesiges Dankeschön dafür.» Bezüglich der Miete sei er im Gespräch, verrät Peter Eichenberger. Nun will man die gewonnene Zeit kreativ nutzen, an der Speisekarte arbeiten. An der Deko und den Abläufen feilen. Und es gibt Pläne für die Zeit nach dem Shutdown, die für das «Lemon-Chili» wie eine zweite Neueröffnung sein könnte: «Wir suchen noch einen Koch. Nun lassen wir uns Zeit dafür.»
«Tropfen auf den heissen Stein»
Innovativ begegnet Juri Tirez vom «Stiefelchnächt» dem erneuten Shutdown. Der Barbetreiber hat kurzerhand ein Take-away-Fenster an der Sternengasse eingerichtet, das von Donnerstag bis Sonntag betrieben wird. Es gibt Glühwein, Kaffee, warme Getränke. «Das ist aber ein Tropfen auf den heissen Stein», so Tirez. Finanziell lohne sich das nicht. Es gehe vielmehr darum, dass man im Gespräch bleibe, den Leuten zeige, dass man noch da sei. Schliesslich habe es nach wie vor viele Leute in der Stadt. Doch gleichzeitig wolle man derzeit keine Ausgangskultur beziehungsweise einen Treffpunkt provozieren. Die Kundschaft ist angehalten, nach dem Kauf weiterzugehen. Neben dem Take-away betreibt der «Stiefelchnächt» noch das Genusslädeli im Keller. Juri Tirez macht die derzeitige Situation Sorgen: «Jeder Beizer und Gastronom hat das Wasser am Hals, braucht die Reserven auf», schildert er. Von Gastrokollegen in anderen Kantonen weiss er, dass diese bereits die Segel gestrichen haben. Er ist sich sicher, dass noch weitere dazukommen werden. Deshalb müsste es jetzt auch mit den Härtefallgeldern schneller gehen.
Bars sind anders
Für sich und seine Frau kann Tirez keine Kurzarbeit beantragen. «Bei dem Härtefallgeld sind wir dran.» Die Bürokratie sei indes gross. Der Vermieter ist immerhin ein Stück weit bei der Miete entgegengekommen. Er gibt auch zu bedenken, dass die Bars es auch in den Monaten während der Pandemie, als man Gäste bewirten durfte, besonders schwer hatten. Die Gäste mussten sich setzen, durften nicht an die Theke. Im «Stiefelchnächt» waren so nur 30 statt 80 Gäste zugelassen. «Es hat uns noch viel härter getroffen.» Gastrosuisse habe für die Hotellerie und die Restaurants lobbyiert. Die Bars seien zwischen Stuhl und Bank gefallen, lässt Tirez verstehen. Bei einer Lockerung dürften nicht wieder Massnahmen kommen, meint er. Doch Juri Tirez wäre nicht Juri Tirez, wenn er sich nicht kämpferisch geben würde. «Wir schauen positiv in die Zukunft. Wir werden nicht den Kopf in den Sand stecken.»
An Positivem orientieren
Manuela Seewald und Ralph Kilcher führen das Restaurant Haus zum Löwen in der Altstadt. Man bietet klassische Schweizer Küche und europäische Spezialitäten wie Maultaschen an. Kilcher kocht mit frischen, regionalen, hochwertigen Produkten. Auch er hat mit den gleichen Problemen wie die anderen zu kämpfen, aber will zuerst auch das Positive betonen: so zum Beispiel bezüglich der Miete. «Es ist sehr schön, dass der Vermieter von sich aus auf uns zugekommen ist. Ein flotter, grosszügiger Mensch», sagt Kilcher. Und auch die Gäste erwähnt er positiv: Schon ohne Corona sei es nicht selbstverständlich, dass diese in der autofreien Altstadt zu ihnen kämen. Einige hielten ihnen auch jetzt die Treue beim Take-away-Angebot, das schon in der ersten Phase betrieben wurde und abends angeboten wird. Der «Löwen» bietet ähnlich wie der «Stiefelchnächt» dies an, um den Kontakt mit der Kundschaft halten zu können. Finanziell ist es auch hier kein Plusgeschäft. «Wir wollen nicht vergessen gehen.» Jeder Kunde, der vorbeikomme, sei eine schöne Erfahrung. «Man muss sich an diesen Erlebnissen halten», so Manuela Seewald. Kritisch sieht Kilcher trotz Verständnis für die Massnahmen die Kurzfristigkeit zum Umsetzten wie vor den Festtagen. Derzeit mit Blick auf die Skigebiete meint Seewald: «Man kommt sich veräppelt vor.»
«Wir hoffen wahnsinnig auf Ende Februar», sagt sie bezüglich einem Ende des Shutdowns. Man zehrt von den Reserven. Immerhin habe man in der Vergangenheit gut gewirtschaftet, doch das Durchhalten sei auch eine Frage der Zeit. Für die Härtefallgelder habe man einen Antrag gestellt, aber bisher noch nicht mal eine Empfangsbestätigung erhalten. Kilcher macht darauf aufmerksam, dass die Schliessung der Restaurants einen Rattenschwanz an weiteren Folgen hat. «Auch Lieferanten sind in Kurzarbeit.» Getränkehändler, Bäckereien, Hersteller aus der Region. «Auch diese sind direkt betroffen.»




