«Es ist gut so»
24.11.2020 MutschellenAbverkauf in der «Brasserie Terrasse»
Zwölf Jahre lang haben Sandra und Pascal Laeri-Schärz die «Brasserie Terrasse» und das Hotel Heinrüti-Rank in Widen geführt. Vor gut einer Woche haben sie ihren Betrieb geschlossen. Am letzten Samstag ...
Abverkauf in der «Brasserie Terrasse»
Zwölf Jahre lang haben Sandra und Pascal Laeri-Schärz die «Brasserie Terrasse» und das Hotel Heinrüti-Rank in Widen geführt. Vor gut einer Woche haben sie ihren Betrieb geschlossen. Am letzten Samstag fand ein Abverkauf von Gross- und Kleininventar statt. Vor allem viele Stammgäste wollten sich ein Erinnerungsstück an den «Heinrüti» sichern. Keine ruhige Minute hätten sie in den letzten Jahren gehabt, sagt das Wirtepaar. Der Abschied tue zwar weh. «Aber es ist gut so.» --eob
Ein Stück «Heinrüti» heimnehmen
Grosser Andrang beim Abverkauf in der «Brasserie Terrasse»
Erika Obrist
«Ich habe mein Tischchen», tönt es jubelnd aus dem Innern der «Brasserie Terrasse» hinaus auf die Terrasse. «Das ist meine Mutter», lächelt Corina Lohner unter ihrem Mundschutz. Die junge Frau hat letzten Sommer Hochzeit gefeiert in der Brasserie mit der unvergleichlichen Aussicht. «Alles hat gestimmt: das Essen, die Bedienung, das Ambiente. Einfach alles.»
Jetzt kommt die Mutter Carole Saxer dazu. «Es ist deprimierend, dass das Restaurant schliesst», sagt die Frau aus Geroldswil. Stammgast sei sie hier gewesen. Und als sie gehört habe, dass die «Brasserie Terrasse» für immer schliessen werde, habe sie das Wirtepaar gefragt, ob sie das Tischchen kaufen könne. Konnte sie nicht. Sie wurde wie viele andere Gäste auf den offiziellen Abverkauf vom letzten Samstag verwiesen. «Wir sind extra ganz früh daheim weggefahren, um möglichst zu den Ersten zu gehören, die eingelassen werden», fügt sie an.
Früher als geplant geöffnet
Ein kluger Entscheid. Bereits um 8.30 Uhr ist der Parkplatz vor dem Restaurant sehr gut gefüllt. Geduldig stellen sich die Wartenden in einer Reihe auf. Die Schlange wird lang und länger. Drinnen auf Tischen reihen sich Dekorationsgegenstände aneinander. Weihnachtsschmuck und Osterhasen. Gläser, Eiskübel und Flaschenkühler, Bildschirme und neue Kaffeemaschinen aus den Hotelzimmern. Unglaublich, was sich da angesammelt hat im Laufe der Jahre. «Tische und Stühle, Küchengeräte samt Besteck und Geschirr haben wir vorab verkauft», erklären Sandra und Pascal Laeri-Schärz. «Auch die Heizpilze sind weg. Von den 34 Palmen steht nur noch eine zum Verkauf.» Sogar für den Wasserfall im Reusstal-Saal haben sie einen Abnehmer gefunden. Der kunstvolle Brunnen auf der Terrasse war ebenfalls begehrt. Den haben sie aber behalten. «Das war ein Geschenk an meine Frau zum Hochzeitstag», grinst Pascal Laeri.
Zum Schluss noch stempeln
Es ist längst noch nicht 9 Uhr, da entscheidet das Wirtepaar, die Wartenden draussen nicht länger frieren zu lassen. Sandra Laeri öffnet die Tür, begrüsst die Menschen draussen und erklärt die Spielregeln: Immer nur zu zweit aufs Mal hineingehen, dem Rundgang folgen, am Ende an der Kasse bezahlen. Dort stehen die stellvertretende Geschäftsführerin Latife Saglam und Annemarie Dux, die «in etwa 36 Jahre lang» im «Heinrüti» gearbeitet hat. «Es ist gut so», sagt Latife Saglam. «Es ist doch etwas traurig, kurz vor Ende des Berufslebens noch stempeln gehen zu müssen», fügt Annemarie Dux an. Dann wenden sie sich wieder der Kundschaft zu. Zählen Zahlen zusammen, kassieren ein.
Es sind nicht Schnäppchenjäger, die sich zum Abverkauf eingefunden haben. Vielmehr langjährige Stammgäste wie Annemarie Hofer aus Oberwil-Lieli. «Jammerschade» sei es, dass das Lokal für immer schliesse. «Ich habe viele schöne Nachmittage und Abende hier verbracht», erzählt sie und schwärmt vom Ambiente. Man habe sich unter all den Palmen wie in den Ferien gefühlt. Alles habe hier gestimmt. «Einfach gediegen.» Etwas ganz Spezielles, das man in der nahen Region so schnell nicht mehr finde. Und deshalb wolle sie ein Andenken an den «Heinrüti» mit nach Hause nehmen.
Lieblingsessen gibt es nun im «Stalden»
Plötzlich ist ein lautes Klirren zu hören. Glasscherben bedecken den Boden. Roman Goldenbein, neun Jahre lang Küchenchef in der «Brasserie Terrasse», fegt die Scherben zusammen. Letzte Woche haben einige befreundete Wirtinnen und Wirte bei Sandra und Pascal Laeri vorbeigeschaut. Sie haben sich verabschiedet und alles Gute gewünscht. Unter ihnen auch Heiner Kuster vom Hotel Restaurant Stalden in Berikon. Er hat etwas nicht Alltägliches von der «Brasserie Terrasse» mit nach Hause genommen: das Rezept für das Entrecote im Pfännchen. Dieses Lieblingsessen vieler Gäste gibt es künftig im «Stalden».
«Es ist jetzt gut», sagt auch Sandra Laeri-Schärz. Zwölf Jahre lang habe sie durchgearbeitet, nun sei sie froh, den schweren Rucksack ablegen zu können. «Wir hatten elf Jahre lang eine tiefe Liebe zu unserer Arbeit», wählt Pascal Laeri einen Vergleich. Mit dem Kellerbrand im Juli 2018 sei die Liebe weg gewesen. Danach habe sich die Beziehung wieder gefestigt. «Dann kam Corona – und nun ist die Liebe weg.»
Voraussichtlich Anfang Jahr wird das Baugesuch für den Abriss des Restaurants mit Hotel und für den Neubau von Wohnungen eingereicht. «Wenn die Bagger auffahren, gehe ich mit meinen Eltern weg», erklärt Sandra Laeri-Schärz. Vorher aber, nämlich wenn alles aufgeräumt ist, zieht es das Paar in die Wärme. Ferien machen, entspannen, durchschlafen.
Die Freude bei Carole Saxer über ihr Tischchen ist so gross, dass sie kurz nach Mittag mit ihrem Mann zusammen nochmals nach Widen fährt. «Wir haben kürzlich eine neue Wohnung bezogen; da kann man immer etwas Schönes brauchen.» Als sie gegen 13 Uhr ankommen, ist der Abverkauf beendet. Die Türen sind geschlossen. Für immer.




