Chregi Hansen, Redaktor.
Ach, was haben sie geschwärmt, all die Bekannten, mit denen ich über unser diesjähriges Reiseziel gesprochen habe. Wie beeindruckend es dort oben sei, wie wunderbar die Landschaft, wie einmalig die Weite und wie ...
Chregi Hansen, Redaktor.
Ach, was haben sie geschwärmt, all die Bekannten, mit denen ich über unser diesjähriges Reiseziel gesprochen habe. Wie beeindruckend es dort oben sei, wie wunderbar die Landschaft, wie einmalig die Weite und wie spannend es ist, diese besondere Welt auf stundenlangen Spaziergängen zu entdecken.
Rückblickend muss ich sagen: Ich kann diese Begeisterung nicht teilen. Ehrlich gesagt fand ich das Wattenmeer ziemlich langweilig. Wenn ich an Meer denke, dann kommen mir hohe Wellen, Schaumkronen und ein stetiges Rauschen in den Sinn. Sturmwinde, Strandgut und der Geruch nach Fisch. Das Wattenmeer hingegen lag völlig ruhig da – falls es überhaupt da war. Denn oft war da gar kein Wasser, sondern nur kilometerbreite Schlammschichten. Und die wurden auch beim zweiten Mal durchwandern nicht spannender.
Ganz so schlimm war es natürlich nicht. Die Norddeutschen können leckeres Bier brauen und sind auch sonst ein sehr freundliches Volk. Frischen Fisch gibt es ebenfalls. Zudem habe ich viel gelernt. Ich weiss jetzt, wie kompliziert das ist mit Ebbe und Flut. Dass die Gezeiten eben nicht alle sechs Stunden wechseln, sondern nur ungefähr. Und dass der Mond scheinbar jeden Tag einmal um die Erde kreist, aber in Tat und Wahrheit 27,3 Tage braucht für eine Erdumdrehung. Wenn ich mich also schon nicht in die hohen Wellen stürzen konnte, so habe ich zumindest mein Wissen erweitert.
Das ist gut, denn man weiss nie, wann man mit seinem Wissen brillieren kann. Einmal spazierte ich hinter zwei älteren Frauen her. Eine beschwerte sich, dass immer Ebbe sei, wenn sie auf dem Deich unterwegs sei. «Ja, dieses Jahr ist mehr Ebbe als sonst», antwortete die andere. Das ist meine Stunde, dachte ich mir, jetzt erkläre ich denen, warum das nicht stimmt und wie der Stand von Sonne und Mond da hineinspielen. Dann aber wurde mir plötzlich bewusst: Eigentlich hat die Frau recht. Gefühlsmässig war fast immer Ebbe. Und das ist doof, wenn man Urlaub am Wasser machen will. Darum stieg ich schweigend vom Deich herunter und beschloss: Nächstes Jahr geht es wieder nach Dänemark. Da ist das Bier zwar nicht ganz so gut, dafür ist das Wasser da, wenn man es braucht. Also immer.