Freiämter Kamine statt ukrainische Matten
15.04.2020 RingenDer Freiämter Randy Vock erklärt den Rücktritt vom internationalen Ringsport
Randy Vock, in Muri wohnhafter Niederwiler, setzt seine Prioritäten neu. Der 26-jährige Ringer beendet seine Karriere als Halbprofi. Damit ist für ihn ...
Der Freiämter Randy Vock erklärt den Rücktritt vom internationalen Ringsport
Randy Vock, in Muri wohnhafter Niederwiler, setzt seine Prioritäten neu. Der 26-jährige Ringer beendet seine Karriere als Halbprofi. Damit ist für ihn Schluss mit Ringen auf internationaler Ebene. Er konzentriert sich auf die RS Freiamt und seinen Job als Kaminfeger.
Videoanruf bei Randy Vock. Der Ringer liegt in der Sonne. Er geniesst das schöne Wetter, das im Freiamt über die Ostertage herrscht. Vock wirkt erleichtert, nachdem er die Bombe platzen lassen konnte.
9. April 2020: Vock postet auf seiner Homepage und seiner Facebook-Seite eine längere emotionale Nachricht. Die Kurzfassung: Nach zahlreichen schlaflosen Nächten hat er sich entschieden. Vock tritt vom internationalen Ringsport zurück. Als diese Mitteilung die Öffentlichkeit erreicht, ist er fast auf den Tag genau ein Jahr her. Der grösste sportliche Erfolg des Freiämters. 10. April 2019: Ringer-Europameisterschaften in Bukarest. Im Freistil bis 61 kg trifft Randy Vock auf den Nordmazedonier Elmedin Sejfulau. Es ist das Duell um die Bronze-Medaille. Vock gewinnt und holt die erste EM-Freistil-Medaille für die Schweiz seit 1946.
Karriere mit vielen Verletzungen
«Es war aber ein Prozess, bis ich mir endgültig sicher war, dass ich zurücktrete», erzählt der Ringer. Ins Grübeln kommt Vock im Februar dieses Jahres. Ein Innenbandriss am rechten Knie aus dem vergangenen Dezember verhindert seine Teilnahme an der EM in Rom. Es ist bei Weitem nicht seine erste Verletzung. Knieschäden, Rippenbrüche, ein Mittelhandbruch, Abszesse. Das ist nur eine Auswahl von Vocks Leidensweg in den rund zehn Jahren als Halbprofi. «Ich habe mich gefragt: ‹Schaffe ich das? Komme ich wieder auf mein ursprüngliches Niveau zurück?›»
Vermutlich hätte er es geschafft. Doch der jahrelange Kampf mit den Blessuren hat Spuren hinterlassen. «Ich war mir nicht sicher, ob ich noch bereit bin, alles aufs Spiel zu setzen. Meine Motivation war nicht mehr die gleiche. Das letzte Feuer hat gefehlt. Deshalb bin ich der Meinung, dass es die richtige Entscheidung war.»
Über 200 Tage im Ausland
Feuer hat Randy Vock in all den Jahren gebraucht. Erst mit 14 stösst er zum Ringersport und wird zwei Jahre später bereits er Halbprofi. Der gelernte Kaminfeger trainiert zehn Jahre lang über 200 Tage pro Jahr im Ausland. In der Ukraine, Russland oder Polen, wo die Ringerkonkurrenz am stärksten ist, und seine Gegner teilweise Vollprofis. Vock hingegen arbeitet – wenn er nicht im Ausland ist – in einer 50-Prozent-Anstellung bei «Regli Kaminfeger» in Dottikon. «Daneben habe ich noch zehn bis zwölf Trainingseinheiten pro Woche absolviert», erzählt er. Der Athlet ordnet alles dem Sport unter und muss auf vieles verzichten. Nicht zuletzt auf seine langjährige Freundin Simone, die er über lange Zeiträume nicht sieht. Die EM-Bronze ist der Lohn für all diese Mühen. Jetzt geht für Vock ein «normales» Leben los. Er wird zu 100 Prozent als Kaminfeger arbeiten und nur noch abends trainieren. Seine Partnerin wird er häufiger sehen können.
Er ist dankbar für ihre Unterstützung in all den Jahren. Und den Rückhalt seines Umfelds insgesamt. Auch jetzt, als er seinen Rücktritt verkünden wollte. «Die Sponsoren, die RS Freiamt, der Schweizer Verband, sie hatten alle viel Verständnis und haben mich in meiner Entscheidung unterstützt», sagt der Athlet. «Ich konzentriere mich jetzt auf das Ringen in der Schweiz und auf meinen Beruf. Ich will mich weiterbilden. In welche Richtung weiss ich aber noch nicht. Vor dem Rücktritt hatte ich den Kopf nicht frei, um mir darüber Gedanken zu machen.» Die Bronze-Medaille aus Bukarest bezeichnet Vock als «i-Tüpfelchen» in seiner Karriere. Er wäre laut eigener Aussage auch ohne die Medaille zurückgetreten. Dass er sie gewonnen hat, hat ihm die Entscheidung aber erleichtert.
Keine unvollendete Karriere
Doch fehlt ihm nicht ein Mosaikstück? Seine Homepage ist noch nicht aktualisierte. Unter der Rubrik «Ziele» steht unter anderem Olympia 2020 in Tokio. 2016 hat es nicht für Rio de Janeiro gereicht. Jetzt wird auch Tokio nicht zustande kommen. Bereut er, dass das Ziel Olympia unerreicht bleibt? «Nein», sagt Vock bestimmt. «Es hätte ja sein können, dass ich mich qualifiziere und früh ausscheide. Klar sind die Olympischen Spiele etwas vom Grössten für einen Sportler. Aber ich kann erzählen, EM-Bronze gewonnen zu haben. Das ist auch sehr schön.»
Nach Vocks EM-Medaille zogen die Schweizer nach. Stefan Reichmuth gewann 2019 in Kasachstan WM-Bronze, Samuel Scherrer 2020 in Rom EM-Silber. Reichmuth sagte über Vock, dass er der Wegbereiter für die Schweizer Erfolge war. Als Vock über seine Kollegen aus dem Freistil-Nationalteam spricht, weicht die Erleichterung in seiner Stimme einer Wehmut. «Ich werde die Jungs vermissen», sagt er über seine Nationalmannschafts-Kollegen. «In den zehn Jahren wurden wir eine verschworene Einheit.» Dann kehrt die Erleichterung langsam in seine Stimme zurück: «Aber wir werden uns wiedersehen. Jetzt halt ‹nur› privat, oder als Gegner in der Nationalliga A», ergänzt er lachend. --jl

