Neuer Sport, neues Glück
04.02.2020 LeichtathletikFast sein ganzes Leben lang gab es für Yannick Sägesser nur Eishockey. Einen Grossteil seiner 17 Lebensjahre hat der Joner auf dem Eis verbracht, war im Nachwuchs des EV Zug und der ZSC/GCK-Lions. Verletzungen haben ihn daran gehindert, den Weg in Richtung Profikarriere weiterzugehen. ...
Fast sein ganzes Leben lang gab es für Yannick Sägesser nur Eishockey. Einen Grossteil seiner 17 Lebensjahre hat der Joner auf dem Eis verbracht, war im Nachwuchs des EV Zug und der ZSC/GCK-Lions. Verletzungen haben ihn daran gehindert, den Weg in Richtung Profikarriere weiterzugehen. Jetzt sprintet er einem neuen Ziel entgegen. Er ist Leichtathlet beim LC Zürich. --jl
Vom Schlitt- zum Laufschuh
Das Joner Eishockey-Talent Yannick Sägesser wechselt in die Leichtathletik
Yannick Sägesser war keine vier Jahre alt, als er mit dem Eishockey-Sport anfing. Jetzt wechselt der 17-Jährige aus Jonen in die Leichtathletik. Er spricht über die Gründe dafür.
Josip Lasic
Yannick Sägesser steht vor der «United school of sports» in Zürich, der Sportschule in Zürich, deren Inhaber und Direktor der Wohler Tobias Rohner ist. Sägesser trägt das Tenue des LC Zürich. Gleich neben dem Schulgebäude steht das Letzigrundstadion. Der Freiämter sagt zielbewusst: «Es ist mein Traum, eines Tages am ‹Weltklasse Zürich› im Letzigrund zu starten.» Ein ambitioniertes Ziel des 17-Jährigen aus Jonen. Leichtathletik trainiert er erst seit rund drei Monaten. Sein ehemaliges sportliches Zuhause ist rund fünf Kilometer Luftlinie von der «United school of sports» und dem Letzigrundstadion entfernt. Es ist das Zürcher Hallenstadion. Der Freiämter hat fast 14 Jahre lang Eishockey gespielt, zuletzt beim Nachwuchs der ZSC/GCK-Lions.
«Wenn ich etwas mache, dann richtig. Für mich ist es ein Experiment, wie weit ich es bringen kann, wenn ich alles gebe», erklärt der Joner. «Ich gebe mir zweieinhalb Jahre Zeit, bis ich die Schule abschliesse und sehe, wie weit ich komme. Im Eishockey hat es nicht in die Weltklasse gereicht. Vielleicht klappt es in der Leichtathletik.»
Ein junger Mann, der weiss, was er will
Mit tiefer, selbstbewusster Stimme sagt Yannick Sägesser: «Ich bin ein Typ, den man gern hat oder nicht. Ich glaube, dass mich mehr Menschen nicht so mögen», so der 17-Jährige, dessen Alter man anhand seiner Selbstsicherheit kaum glaubt. «Ich spreche Dinge direkt an. Wenn mich etwas stört, sage ich das geradeheraus. Das mögen nicht alle.»
Mit dieser Geradlinigkeit betont er, was ihm an der Leichtathletik besser gefällt als am Eishockey. «Als Sprinter rennst du nie gegen jemand anderen. Du rennst gegen dich selbst und versuchst, deine persönliche Bestzeit zu verbessern», erklärt der Freiämter. «Der Teamspirit ist ausserdem grösser, als ich ihn in der Mannschaftssportart Eishockey erlebt habe. Auf dem Eis spielst du gegen den Gegner, musst dich aber gleichzeitig in deinem Team behaupten.»
Zwischen Verletzungen und Enttäuschungen
Yannick Sägesser ist erst dreieinhalb Jahre alt, als er dem HC Wohlen Freiamt beitritt. Sein Vater, Romuald «Romy» Sägesser, war früher Spieler in der Nationalliga B beim EHC Basel und HC Sierre. «Ich erinnere mich, dass wir uns den Spengler-Cup angesehen haben. Mein Vater hat mich gefragt, ob mir der Sport gefällt und ich Eishockey spielen möchte.»
Der Freiämter entpuppt sich als Talent. Mit acht Jahren wechselt er in den Nachwuchs des EV Zug. Nach einem Jahr in der Bezirksschule in Bremgarten wechselt er an eine Sportschule in Cham. Seither ist sein Leben auf Eishockey ausgerichtet. Mit allen Vor- und Nachteilen. «Meine besten Freunde waren Goalies, Stürmer oder Verteidiger, die schlechter waren als ich», erklärt der Ex-Hockey-Spieler. «Verteidiger auf ähnlichem Level sind direkte Konkurrenz. Es kam vor, dass Mitspieler im Training andere bewusst verletzen wollten», erzählt Sägesser. «Wenn das nicht gereicht hat, wurde dir der sogenannte ‹NHL-Schliff› verpasst. Dabei wird eine Kante aus dem Schlittschuh gebrochen. Man merkt das erst, wenn man auf dem Eis stürzt.»
Trotz dieser Erlebnisse lässt Sägesser kein schlechtes Wort auf den Eishockey-Sport kommen. «Es ist für mich der schönste Sport der Welt. Ich glaube aber, dass ich rechtzeitig ausgestiegen bin.» Dabei ist beim Joner viel Talent vorhanden. Mit 15 Jahren teilt man ihm in Zug mit, dass er Potenzial für die Nationalliga A und mehr hat. Mit 15 Jahren ist Sägesser schon 1,92 m gross. Er ist schnell gewachsen. Zu schnell. Das führt zu Problemen mit den Sehnen, dann mit dem Rücken. Sägesser hat eine Spondylolyse. Flüssigkeit drückt auf einen der Rückenwirbel. Ein Ermüdungsbruch droht. Das Ergebnis: Sieben Monate Sportverbot und eine komplett verpasste Saison.
Die Spondylolyse kommt zum dümmsten Zeitpunkt. Sägesser hat die Schule abgeschlossen. Es geht um die berufliche Zukunft. Der EV Zug arbeitet mit der Sportschule Vinto zusammen. Der Joner soll dort eine vierjährige Lehre als kaufmännischer Angestellter absolvieren und weiterhin im Nachwuchs der Zuger spielen. Bei diesem Modell würde er einen Vier-Jahres-Vertrag bis zum Ende der Lehre erhalten. «Wegen meines Rückens wollte mir Zug keinen langfristigen Vertrag geben», erklärt Sägesser.
Nur noch in der «Plauschmannschaft»
Das Talent sucht einen neuen Verein. Zur Saison 2018/19 wechselt der Joner in den Nachwuchs der ZSC/GCK-Lions und beginnt eine KV-Lehre bei der «United school of sport». In der Saisonvorbereitung zerschlagen sich alle Träume. Sägesser wird zweimal hart von hinten gecheckt. Die Diagnose in beiden Fällen: Gehirnerschütterung. Erneut muss er eine ganze Saison aussetzen. Diesmal mit grösseren Konsequenzen. Er spürt die zwei Jahre ohne Einsätze.
«Ohne Spielpraxis wirst du nicht besser. Und die Konkurrenz bleibt nicht stehen.» Die Lions haben drei U20-Teams. Elite, Top und A. Sägesser trainiert mit dem Top-Team mit, spielt aber nur noch im A. Eine «Plauschmannschaft», wie er sie nennt. «Ich fühlte mich nicht mehr als Teil vom Top-Team. Mit ihnen habe ich zwar trainiert, aber nicht gespielt.» Er beginnt an seinem Weg im Eishockey zu zweifeln.
Rechtzeitig den Schlussstrich gezogen
Der Joner trifft einen schweren Entschluss. «Eishockey hat mich lange begleitet. Ich wollte ein gutes Ende, bevor ich keine Lust mehr auf die Trainings und die Spiele habe.» Er beendet seine Eishockey-Karriere. Die «United school of sports» verlangt aber, dass er sich eine neue Sportart sucht. Sein Stundenplan beinhaltet nur 24 Lektionen, damit er nebenbei trainieren kann. In einem Trainingslager mit der «United school of sports» kam er auf den Geschmack der Leichtathletik. Besonders der Sprint hat es ihm angetan. Nach einem Probetraining beim LC Zürich behält ihn der Club bis Ende Februar «auf Probe».
Im Januar bestreitet er seinen ersten Wettkampf. Am LCZ-Hallenmeeting läuft er über 60 m eine Zeit von 7.78. Für den Joner ist das zu wenig. «Ich habe gehofft, dass ich die Limite von 7.55 für die Schweizer Meisterschaften erreiche», sagt er. Sein Trainer beim LC Zürich ermutigt ihn und sagt: «Das wird schon.» Die Chancen stehen gut, dass Sägesser länger als nur bis Ende Februar beim LC Zürich bleibt. Er weiss, was er will, und wird seinen Weg gehen. Egal ob mit Schlitt- oder Laufschuhen.



