Ein Winter im Van
04.02.2020 ZufikonJenni Heinz und Timo Bissig leben seit Oktober in ihrem VW-Bus
Ein Abenteuer erleben zurzeit Jenni Heinz aus Hermetschwil-Staffeln und Timo Bissig aus Zufikon in unserer Region. Sie probieren das Wohnen in einem VW-Bus aus. Ohne Hilfe von Freunden und ...
Jenni Heinz und Timo Bissig leben seit Oktober in ihrem VW-Bus
Ein Abenteuer erleben zurzeit Jenni Heinz aus Hermetschwil-Staffeln und Timo Bissig aus Zufikon in unserer Region. Sie probieren das Wohnen in einem VW-Bus aus. Ohne Hilfe von Freunden und Bekannten geht es aber doch nicht ganz.
Roger Wetli
Jenni Heinz und Timo Bissig sind jung und neugierig. Sie, 26 Jahre alt, er, 24 Jahre alt, wirken nicht wie Aussteiger, sondern sehr geerdet. Trotzdem wagt das Paar zurzeit einen etwas anderen Lebensstil. Offiziell angemeldet bei ihren Eltern, wohnen sie in ihrem VW-Bus und gehen dabei normalen beruflichen Tätigkeiten nach. Um nicht aufzufallen, übernachten sie jeden Abend auf einem anderen Parkplatz. Die Wäsche waschen sie bei Freunden. Dasselbe gilt für das Duschen.
Temperaturen um Gefrierpunkt
Den Bus richtete das Paar im Sommer nach seinen Bedürfnissen ein. Timo Bissig zeigt auf das Abwaschbecken. «Wir haben das Kleinste gekauft, das wir kriegen konnten», lacht er. «Alles im Bus muss multifunktional und platzsparend sein.» Der Tisch ist in seiner Höhe verstellbar. Er dient als Erweiterung des Bettes, aber auch als Ess- und Vorbereitungstisch und Stuhl beim Kochen mit dem Gasherd. «Da wir auch im Winter im Bus wohnen, richteten wir ihn so ein, dass wir alle Dinge bei geschlossenen Türen machen können», erläutert Jenni Heinz. «Das schliesst auch das Kochen und das Hervorholen von Dingen mit ein.» Grossen Wert legten sie auf eine gute Isolation. «Trotzdem kann die Temperatur morgens beim Aufwachen um die 3 Grad liegen», so das Paar. «Dank den Decken stört uns die Kälte nicht. Mehr Sorgen bereitet uns die Feuchtigkeit.»
Diese bekämpfen die beiden bei ihrer täglichen Fahrt zur Arbeit, indem sie dann die Klimaanlage aufdrehen. Ein zweites Auto besitzen sie nicht. Jenni Heinz und Timo Bissig geniessen es, alle Dinge jeweils bei sich mitzuführen. Ihr aktuelles Leben möchten sie noch eine Weilte fortführen. «Im Sommer fahren wir für zwei Monate in die Ferien, danach schauen wir weiter», blicken die beiden voraus.
Leben auf engstem Raum
Jenni Heinz und Timo Bissig wohnen in ihrem VW-Bus
Im Oktober ist das junge Paar in sein gemeinsames Fahrzeug gezogen und lebt seither darin. Beide arbeiten normal. Als grösste Herausforderung stellte sich nicht die Kälte, sondern die Feuchtigkeit im Bus heraus.
Roger Wetli
Sie übernachten jeden Abend auf einem anderen Parkplatz in der Region. Jenni Heinz, 26 Jahre alt, ursprünglich aus Hermetschwil-Staffeln, und Timo Bissig, 24 Jahre alt, aus Zufikon, geniessen das ungebundene Leben in ihrem VW-Bus. Angemeldet ist sie bei ihrer Mutter, er bei seinem Vater. Dort empfangen sie auch ihre Post und zahlen Steuern. Auch ein paar wenige Dinge haben sie noch bei ihren Eltern deponiert. «Grundsätzlich befindet sich unser gesamter Besitz aber in diesem VW-Bus», erklärt Timo Bissig. Das Fahrzeug haben sie im Sommer ihren Bedürfnissen angepasst. «Die Enge macht uns nichts aus. Wir hatten bereits in unserer gemeinsamen Ein-Zimmer-Wohnung zu viel Platz», lacht Jenni Heinz.
Sie duschen bei ihren Eltern oder bei Kollegen. «Eine andere Möglichkeit wären Raststätten, Schwimmbäder oder Fitnesscenter. Das haben wir bisher aber noch nicht ausprobiert», erklärt Timo Bissig. Auch die Wäsche reinigen sie bei ihren Eltern. Als Toiletten nutzt das Paar öffentliche Anlagen oder den Wald in der Nähe ihres Abendstandplatzes. «Wir achten darauf, dass wir dabei keine Spuren hinterlassen. Für den Stuhlgang haben wir extra eine Schaufel, mit der wir ihn vergraben. Bisher waren wir aber immer auf öffentlichen Toiletten», so die junge Frau.
Durch Cousin inspiriert
Die Übernachtungsorte suchen sie in der Nähe ihrer Arbeitsorte. «Es wäre doof, weiter weg zu fahren, wenn wir schon wählen können», gibt Bissig zu bedenken. «Es sind alles öffentliche Orte. Wir möchten niemanden stören und schauen sehr darauf, keinen Abfall zu hinterlassen. Uns ist es wichtig, dass man der Umwelt Sorge trägt.»
Ihr Büslein haben sie mit Vorhängen so versehen, dass bei angeschalteten Lampen kein Licht nach aussen dringt. «So sieht man nicht, dass jemand darin wohnt», erklärt Timo Bissig. «Stress mit der Polizei oder jemand anderem hatten wir bisher noch nie.» Ihren Platz wechseln sie täglich, um selber flexibel zu bleiben und um nicht aufzufallen. «Wir wollen Diskussionen mit Leuten, die unsere Lebensweise nicht verstehen, vermeiden.»
Am Anfang stand die Idee, mit einem Van einmal Ferien zu machen. «Vor allem ich habe davon geschwärmt», erinnert sich Jenni Heinz. Und Timo Bissig hat einen Cousin, der mal mit seiner Freundin ein Jahr lang in Kanada unterwegs war. «Das hat uns inspiriert», schwärmt er. Ursprünglich wollten sie nur einen Bus umbauen, um damit Ferien zu machen. «Es gab damals Unstimmigkeiten mit der Verwaltung unserer Wohnung, weshalb wir uns entschieden haben, sofort in den Van zu ziehen», so Bissig. Die Umsetzung sei sehr spontan gewesen. «Viele haben uns gesagt, dass dieses Leben im Bus im Winter nicht funktionieren würde – und das auch noch zu zweit. Wir wollten uns aber auf dieses Abenteuer einlassen.» Sie hätten ein Angebot für einen Bus eines Bekannten erhalten, das sie nicht abschlagen konnten. «Er war günstig und bereits grob ausgebaut. Darauf wollten wir aufbauen», erklärt er.
Platzsparend einrichten
In den letzten Sommerferien recherchierte das Paar, wie es den Umbau anpacken könnte, schaute viele You-Tube-Videos und las Erfahrungsberichte. «Wir wollten alles selber einbauen. Da wir auch im Winter darin wohnen, muss alles im geschlossenen Fahrzeug funktionieren», erläutert Jenni Heinz.
Während das Paar für drei Monate bei Timos Vater wohnte, baute es den Van am Abend und an den Wochenenden komplett um. Daneben arbeiteten sie normal. Auf engstem Raum installierten sie ein Lavabo, einen Gasherd, einen Tisch, ein Bett und genügend Stauraum für Kleider, Geschirr, Lebensmittel, Wasser- und Gastank. Dabei halfen ihnen ihre Berufsausbildungen nur ein bisschen. Jenni Heinz ist gelernte Fachfrau Betriebsunterhalt, Timo Bissig absolvierte eine Lehre zum Multimediaelektroniker. Viele Fähigkeiten, mussten sie sich während des Umbaus aneignen und lernen. «Der Umbau war eine grosse Herausforderung. Einerseits wegen der Planung und Umsetzung der Elektronik, andererseits auch, um alles multifunktional und platzsparend einzurichten», erklärt er.
Feuchtigkeit macht Sorgen
Grossen Wert legten sie auf eine qualitativ hochwertige Abdichtung. «Ich friere eigentlich immer», gesteht Jenni Heinz. «Und hatte entsprechend Respekt vor der Kälte.» Diese sei jetzt aber kein Problem, da sie durch zwei dicke Bettdecken geschützt werden. «Dagegen macht uns die Feuchtigkeit mit dem Kondenswasser mehr Sorgen. Dieses Problem haben wir noch nicht ganz gelöst», beteuert Timo Bissig.
Am 13. Oktober wagte das Paar schliesslich den endgültigen Sprung in den Bus. «Wir besassen vorher nicht viel. Trotzdem haben wir nochmals kräftig aussortiert. Es war richtig befreiend», blickt Jenni Heinz zurück. «Ich kaufe jetzt eigentlich fast nichts mehr, das nur schön ist. Es muss eine Funktion erfüllen. Ich konnte mich vom Konsumrausch grösstenteils lösen.» Vieles haben sie verkauft oder verschenkt. Wichtig war allerdings, dass ihre vier Skateboards und zwei Gitarren im Bus Platz finden. «Die wichtigen Sachen finden immer einen Platz», lacht das Paar.
Mühelose Umstellung
Nur wenig Mühe bereitete die Umstellung, ständig so nahe aufeinander zu leben. «Das hat vorher bereits in der kleinen Wohnung hervorragend geklappt», weiss Timo Bissig. Ihre Arbeitsplätze verlassen beide im Sommer. Mitte Juni möchte das Paar zwei Monate über Osteuropa nach Finnland fahren und auf der Route Skateplätze besuchen und Leute treffen. «Danach kommen wir für meinen WK zurück. Anschliessend möchten wir als Snowboardlehrer eine Saison lang in Österreich arbeiten», so Bissig. Ebenfalls denkbar sei, dass Jenni Heinz ihr Engagement als selbstständig erwerbende Produktfotografin ausbaut und er eventuell verschiedenen Tätigkeiten als Freelancer nachgeht. «Wir lassen es auf uns zukommen», strahlen beide.
Über seine Erfahrungen im Bus berichtet das Paar auf seinem Instagram-Kanal. «Wir versuchen unser Leben so realistisch wie möglich darzustellen und nichts zu beschönigen», erklärt Jenni Heinz. «Damit wehren wir uns bewusst gegen den Trend, dass alles immer perfekt sein muss.»
Das Paar sieht in seiner aktuellen Lebensform grosse Vorteile. So hätten sie nie Stress beim Packen, weil sie immer alles Nötige bei sich im Bus mitführen. «Zudem schleicht sich viel weniger Routine beim Weg zur Arbeit ein, weil wir jeden Tag von einem anderen Ort herfahren», sind beide überzeugt. «Die Miete, die wir sparen können, und die Möglichkeit, da zu wohnen, wo wir wollen, geben uns das Gefühl von Freiheit.»
Der Instagram-Kanal von Jenni Heinz und Timo Bissig lautet «vanfluencer.chookie».



