Nostalgie und Wirklichkeit
17.12.2019 BremgartenBremgarter Neujahrsblätter 2020
Einen analytisch-kritischen Blick auf die Entwicklung der Altstadt wirft Autor Georges Hartmeier in den Neujahrsblättern.
«Nicht selten gebärden wir uns als Weltbürger, besuchen die Events in den ...
Bremgarter Neujahrsblätter 2020
Einen analytisch-kritischen Blick auf die Entwicklung der Altstadt wirft Autor Georges Hartmeier in den Neujahrsblättern.
«Nicht selten gebärden wir uns als Weltbürger, besuchen die Events in den grossen Städten, nutzen dazu das Auto oder übers Wochenende durchaus mal das Flugzeug. Kurz gesagt: Wir rauben der Kleinstadt jede Funktion.» Und würden dann der Nostalgie der lebendigen Altstadt nachhängen: Georges Hartmeiers Schlussklammer bildet somit den Bogen zum Paradox der Altstadt, die er in einem äusserst lesenswerten Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Bremgarter Neujahrsblätter beschreibt. Aber auch sonst hat die Schrift einiges zu bieten. --aw
Die Altstadt im Wandel der Zeit
Schodoler Gesellschaft präsentiert Bremgarter Neujahrsblätter 2020
Die neuste Ausgabe der Bremgarter Neujahrsblätter hat die Altstadt im Fokus. Die Schrift bietet auch weitere interessante geschichtliche Aspekte.
André Widmer
Mit seinem Beitrag «Das Altstadt-Paradox» und dem Interview mit der ETH-Architekturdozentin Rahel Nüssli gelingt Georges Hartmeier in der neusten Ausgabe der Bremgarter Neujahrsblätter eine mehr als aktuelle Gesamtbetrachtung, ja eine Analyse. Denn heuer sind 25 Jahre vergangen seit der Einweihung der Umfahrung von Bremgarten – für die Stadt war dies ein bedeutender Bruch in der wirtschaftlichen und historischen Entwicklung. Hartmeier hält fest: «Die Sehnsucht nach dem Vergangenen und das zeitgemässe Verhalten klaffen auseinander.»
Behäbig und alternd
Die Altstadt hat sich gewandelt, das steht fest. Und zwar weniger architektonisch als von ihrem Nutzen her. Hartmeier schildert und zitiert Zeitzeugen wie Heinz Koch. Mitte des letzten Jahrhunderts gab es in der Altstadt noch ein halbes Dutzend Kolonialwarengeschäfte, heute findet man Coiffeure, Gesundheitspraxen und Kunstateliers. Es gebe immer mehr sogenannte «Para-Läden»: Gemischte Betriebsmodelle mit Produktion, Versandhandel, Kunsthandwerk, Gastronomie und Beratungen. Diese seien weniger in den Alltag der Bewohner eingebunden und würden die Altstadt deshalb weniger beleben. Zudem würden auch weniger Menschen in den Häusern leben, auch wenn das Wohnen als «traditionell wichtigste Funktion der Stadt» seinen Stellenwert behalte, heisst es in den Neujahrsblättern weiter.
Autor Georges Hartmeier schaut aber weit zurück in der Geschichte. So verweist er auf Hans Rudolf Schinz im Jahr 1784, der relativ kritisch äussert: «So offt ich nach Bremgarten komme, beneide ich seine allenden Einwohner wegen der schönen und reizenden Lage dieses Orts, wovon sie nichts fühlen und nichts zu benutzen fähig sind. Mitleiden und Erbarmung über ihr moralisches Elend, Unmuth und Verachtung wegen ihrem sträflichen Müssiggang tritet zur gleichen Zeit ein, wann man dem Schicksal dieses Ortes nachdenkt. Zum Feldbau zu träge, zu Handwerk zu stolz, zur Errichtung nützlicher Fabriken zu arm und neidisch gegeneinander ergeben sich diese Leuthe einer unleidlichen Untäthigkeit und leben daher einer selbstverschuldeten Armuth.» Von 1869 stammt Eduard Osenbrüggens Äusserung: «Man erkennt ein altes, in vortheilhafter Lage am strömenden Flusse und in fruchtbarer Gegend gebautes Städtchen; aber wenn man eintritt, so hat man nicht den Eindruck alter Solidität, sondern des Veralterns.»
Aufbruch ausserhalb
Dann folgten aber ab dem 19. Jahrhundert ausserhalb der Altstadt der wirtschaftliche Aufbruch durch zugezogene Unternehmer, die ihre Fabriken ansiedelten. Das heimische Gewerbe habe auch mehr Platz benötigt und zog aus. Aus einer Handwerkerstadt sei eine Detailhandelsstadt geworden. Nach dem Zweiten Weltkrieg rollte dann der mobilisierte Motorverkehr an – zu viel für die kleine Altstadt. Die Umfahrung und die Ansiedlung von Migros und Coop ausserhalb der Altstadt führten zum Ist-Zustand.
Der Nostalgie nachhängen
Georges Hartmeier folgert schliesslich, dass in nächster Zukunft kaum noch Handwerksbetriebe und Detailhandel mehr in der Altstadt zu finden sein werden. Er hält dem Leser den Spiegel der Gegenwart vor: Wir würden grosszügige, helle Wohnungen lieben, zur Arbeit in grosse Zentren pendeln und zum Grosseinkauf in den Sunnemärt, zum Plaza, zum Shoppi fahren und per Internet Päckchen bestellen. «Nicht selten gebärden wir uns als Weltbürger, besuchen die Events in den grossen Städten, nutzen dazu das Auto oder übers Wochenende durchaus mal das Flugzeug. Kurz gesagt: Wir rauben der Kleinstadt jede Funktion.» Und würden dann der Nostalgie der lebendigen Altstadt nachhängen. Hartmeiers Schlussklammer bildet somit den Bogen zum Paradox.
Barriere Zürcherstrasse
Das Interview mit Rahel Nüssli (ETH) bietet auch kritische Aspekte, so zum Beispiel den Hinweis, dass zu viel Kunsthandwerk die Stadt nicht beleben würde. Sie verweist auf die Zürcherstrasse als «grosse Barriere» zu den Einkaufszentren, erklärt, dass dies anders gestaltet werden müsse. Sie regt beispielsweise an, dass Liegenschaften mit mehr Mieten aus den Wohnetagen den Mietern des Erdgeschosses finanziell entgegenkommen könnten – tiefe Sockelmiete und dann eine Umsatzmiete. Heidi Ehrenspergers Text über die Geschäftsfrau Biggi Winteler und Bernadette Oswalds Porträt der Eisenwarenhandlung Beller ergänzen die wichtigen Betrachtungen von Georges Hartmeier ideal. Im Kontext ist auch Fridolin Kurmanns Beitrag zu sehen. Kurmann nimmt die städtische Vision für Bremgarten aus dem Jahr 1913 des damaligen Bezirksgeometers Winteler unter Betrachtung. Diese Arbeit vor über 100 Jahren entstand aufgrund der Raumprobleme in der Altstadt.
Nicht fehlen dürfen in den Neujahrsblättern ein Text zum Fotografen Willi Wettstein und einige seiner historischen Aufnahmen. Wettstein ist derzeit eine Wechselausstellung im Stadtmuseum gewidmet. Neben weiteren interessanten Beiträgen kann unter anderem über «Royale Emigranten in Bremgarten» und «Stadtschreiber Franz Joseph Bucher im Feuer der Kritik» gelesen werden.
An der Generalversammlung der Schodoler Gesellschaft Bremgarten (Sonntag, 5. Januar, 14.30 Uhr, Schellenhaus) referiert Peter Gruber, ehemals Verkehrsplaner im Auftrag der Stadt Bremgarten.



