Denkmal für einen Pionier
29.11.2019 BremgartenBremgarter Stanko Pavlica realisiert Dokumentarfilm über Gehörlosenvorkämpfer Markus Huser
Der Filmemacher Stanko Pavlica hat mit «Die Zeit läuft für uns» eine eindringliche, 70-minütige Doku über den Gehörlosenaktivisten ...
Bremgarter Stanko Pavlica realisiert Dokumentarfilm über Gehörlosenvorkämpfer Markus Huser
Der Filmemacher Stanko Pavlica hat mit «Die Zeit läuft für uns» eine eindringliche, 70-minütige Doku über den Gehörlosenaktivisten geschaffen. Markus Huser war in den 80er-Jahren der Reformer der Schweizer Gehörlosenbewegung.
André Widmer
Dem in Bremgarten wohnhaften Filmemacher Stanko Pavlica ist ein eindringliches, emotionales Porträt über Markus Huser gelungen. Mehr noch: Ein filmisches Denkmal über den Pionier und Vordenker der Schweizerischen Gehörlosenbewegung. Mit einem längeren Unterbruch hat Pavlica während fünf Jahren an der Dokumentation gearbeitet.
Markus Huser kämpfte in den 1980er-Jahren für Selbstbestimmung und Selbsthilfe der Gehörlosen, er kämpfte für die Abspaltung des Schweizerischen Gehörlosenbundes SGB vom von Hörenden dominierten Schweizerischen Verband für Gehörlosenwesen SVG (heute Sonos). Für Subventionen von der IV. Und er kämpfte um Mittel für Schreibtelefone, für Untertitelung und Gebärdendolmetscher. Markus Huser verstarb 1991. Er war nur 35-jährig.
Auch Stanko Pavlica ist ein Kämpfer
Filmemacher Stanko Pavlica ist selbst gehörlos und auch er eine starke, beeindruckende Persönlichkeit: Er arbeitete lange als Maschinenzeichner, absolvierte die Ausbildung zum Gebärdensprachlehrer. 2015 gründete der heute 45-Jährige die in Zwillikon (ZH) ansässige Produktionsfirma Focus Film GmbH. Von 2003 bis 2017 betrieb er mit grossem Herzblut das Gehörlosen-Web-Fernsehen Focus Five TV. Letzteres musste Pavlica schweren Herzens aufgeben. Er und seine Mistreiter wollten das Format institutionalisieren und dies durch staatliche Subventionen erreichen, doch weder Bund noch das Schweizer Fernsehen hätten daran Interesse bekundet, erklärt Pavlica. Über 600 Sendungen hatte er produziert, zusammen mit Festangestellten und freien Mitarbeitern. «Es war eine tolle Zeit, aber finanziell nicht einfach», so Stanko Pavlica, «es war eine schwere Entscheidung, abzubrechen.» Nun also die Selbständigkeit mit einer Filmproduktionsfirma.
Ein starkes Stück Geschichte
Der Bremgarter Stanko Pavlica hat einen Dokumentarfilm über den Gehörlosenvorkämpfer Markus Huser realisiert
Eine selbstbestimmte Gehörlosenbewegung: Dafür hat der Aktivist Markus Huser vor 40 Jahren gekämpft. Nun hat der Filmemacher Stanko Pavlica einen eindringlichen Dokumentarfilm über den Pionier, Visionär und Reformer produziert.
André Widmer
Der Beginn des Dokumentarfilms ist so beklemmend wie bezeichnend: In einer Audioaufnahme hört der Zuschauer des Filmes eine Lehrerin, die 1979 einem sechsjährigen gehörlosen Jungen die Wörter «der Bleistift» beibringen will. Oder anders formuliert: aufzwingen will. Mal für Mal wiederholt das Kind die Wörter. Der kleine Junge ist Stanko Pavlica, heute Filmemacher und in Bremgarten wohnhaft. Hörende bestimmen in jenen Jahren, was für Gehörlose gut sein soll. Und das ist damals für Funktionäre – und hörende Fachexperten – nicht die Gebärdensprache, sondern das Erlernen der Lautsprache durch die Gehörlosen. Erschreckendes steht dabei noch heute auf der Homepage des Schweizerischen Gehörlosenbundes SGB: «Die Schweiz ist eines der letzten Länder in Europa, welches seine Gebärdensprachen nicht auf nationaler Ebene anerkannt hat.» In der Schweiz leben schätzungsweise 8000 Gehörlose und Tausende von Schwerhörigen.
Markus Huser: Fordernd und direkt
Einer, der sich für die Gehörlosen der Schweiz eingesetzt hat und trotz obig geschildertem, bis heute bestehendem Missstand viel erreicht hat, war der gehörlose Markus Huser. Bis zu seinem krankheitsbedingten Tod im Jahr 1991 liess er sich von Widerständen nicht aufhalten. Wegbegleiter, die im Film zu Wort kommen, zeichnen mit ihren Schilderungen ein genaues Bild, wie der im Untertitel als «Visionär, Pionier und Reformer» bezeichnete Mann war: Fordernd, direkt, ungeduldig, mit seiner ungestümen Art mitreissend. Huser kämpfte für Selbstbestimmung und Selbsthilfe der Gehörlosen, er kämpfte für die Abspaltung des Schweizerischen Gehörlosenbundes SGB vom von Hörenden dominierten Schweizerischen Verband für Gehörlosenwesen SVG. Für Subventionen von der IV. Und er kämpfte um Mittel für Schreibtelefone, für Untertitelung und Gebärdendolmetscher. Filmregisseur Stanko Pavlica sprach mit Zeitzeugen und hob Archivmaterial über Huser aus. «Es war eine grosse Recherchenarbeit.» Konzentriert hat sich Pavlica in erster Linie auf Husers Leistung und seine Visionen. Pavlica hat enormen Respekt vor dem Lebenswerk Markus Husers, den er als Reformer der Schweizerischen Gehörlosenbewegung sieht: «Huser war der gehörlose Zwingli. Inklusion war schon vor 40 Jahren für ihn klar. Es ist ein Stück Schweizer Geschichte, er hat viel geleistet.»
Dem in Bremgarten wohnhaften Filmemacher Stanko Pavlica ist ein eindringliches, emotionales Porträt über Markus Huser gelungen. Mit einem längeren Unterbruch hat er während fünf Jahren an der Dokumentation gearbeitet. Nun ist ein filmisches Denkmal über einen Pionier, einen Vordenker entstanden. Dabei ist Stanko Pavlica selbst gehörlos und auch er eine starke, beeindruckende Persönlichkeit: Er arbeitete lange als Maschinenzeichner, absolvierte die Ausbildung zum Gebärdensprachlehrer. 2015 gründete der 45-Jährige die in Zwillikon ZH ansässige Produktionsfirma Focus Film GmbH. Von 2003 bis 2017 betrieb er mit grossem Herzblut das Gehörlosen-Web-TV FocusFive TV als Nonprofitorganisation. Dieses musste er schweren Herzens aufgrund mangelnder staatlicher Unterstützung aufgeben. Über 600 Sendungen hatte er produziert, zusammen mit Festangestellten und freien Mitarbeitern. «Wir haben dafür gesorgt, hauptsächlich Gehörlosen Arbeit zu geben und sie auzubilden.» Und: «Es war eine tolle Zeit, aber finanziell nicht einfach», so Pavlica, «es war eine schwere Entscheidung, abzubrechen.» FocusFive TV war mehr als nur eine Alternative zur vom Schweizer Fernsehen ersatzlos gestrichenen Gehörlosensendung «Sehen statt Hören», die 1998 eingestellt wurde. Pavlica und seine Crew produzierten Sendungen mit einem weiten Themenspektrum.
Und jetzt der Aufbruch
Nun also sein Aufbruch mit der Filmproduktionsfirma. In dieser ist er (noch) der einzige feste Mitarbeiter, er kann aber auf mehrere Freelancer zurückgreifen. Er vollziehe die Transformation vom Fernseh- zum Filmemacher, lässt Pavlica verstehen. Die Selbstständigkeit mit der Herstellung von Image- und Werbefilmen, von audiovisuellen Produktionen scheint zu gelingen, denn er durfte schon ein Werbevideo für ein Kreditkartenunternehmen produzieren. Auch Liveproduktionen kann Pavlica realisieren: Kürzlich sorgte er für die Übertragung der Futsal-WM der Gehörlosen in Winterthur. Derzeit kommt der Umsatz zu 70 Prozent aus Produktionen in Gebärdensprache und zu 30 Prozent aus Filmen für Hörende.
Stanko Pavlica erklärt, dass die Gebärdensprachen sich unterscheiden, es gibt nicht die eine weltumspannende Zeichensprache. Vielmehr sind sie von Land zu Land unterschiedlich, in der Schweiz existieren drei Sprachregionen (Deutsch-, Westschweiz und Tessin), in der Deutschschweiz sogar einige Dialekte. Wie bereits geschildert wurde Stanko Pavlica als Kind in der Gehörlosenschule zunächst gezwungen, die Lautsprache zu sprechen. Die Schreibkompetenz sei nicht optimal. «Mein Deutsch ist nicht perfekt», erzählt er. Kinder, die von Geburt an gehörlos seien, sollten zuerst die Gebärdensprache von Anfang an lernen, erklärt er, dann sei die Sprache von Anfang an visuell. Ansonsten setze die Sprachförderung mit Gebärden zu spät ein. In Skandinavien könnten Gehörlose in Gebärdensprache die Matura absolvieren – hierzulande gebe es kein entsprechendes Angebot.
Welt der Gehörlosen darstellen
Und Pavlica macht auch klar, dass es ein Unterschied ist, ob TV-Sendungen untertitelt oder mit Gebärdensprache übersetzt sind. Letzteres ist hierzulande noch viel zu wenig der Fall. «Gebärdensprachliche Sendungen, inklusive Kultur, Kinder, Reportage, Talks, Doku und so weiter sind ein Ziel.» Das heisst, nicht nur Angebote von Formaten für Hörende mit Untertiteln oder Gebärdenspracheübersetzung. Sondern dass auch die Welt der Gehörlosen dargestellt wird.
Stanko Pavlicas Doku «Die Zeit läuft für uns» hat bereits in Zürich mit Erfolg Premiere gefeiert, bis Ende Jahr finden schweizweit einzelne Vorstellungen statt. Für 2020, so die Hoffnung, soll ein Verleiher gefunden werden, sodass der Film in die Kinos kommt. Zur Promotion des Filmes gibt es einige Give-aways. So beispielsweise eine Tasche mit Markus Husers Antlitz in Schwarbeige. «An wen erinnert das?», fragt Stanko Pavlica. «Che Guevara», antwortet der Autor dieses Artikels. Ein Revolutionär für die Gehörlosenbewegung, der aber Worte als «Waffe» einsetzt – ja, das war Markus Huser.
Das Gespräch mit Stanko Pavlica wurde übersetzt von der Gebärdensprachdolmetscherin Susanne Günther-Wick.



