Ein Stück Kulturgeschichte
26.07.2019 Mutschellen«Chäsi» weicht einer Überbauung
1862 wurde die Käsereigenossenschaft Berikon von 33 Mitgliedern gegründet. Mehr als 130 Jahre lang wurde die Milch der Beriker Kühe zu Emmentaler verarbeitet. Erst an der Zopfstrasse, dann wohl an die neun ...
«Chäsi» weicht einer Überbauung
1862 wurde die Käsereigenossenschaft Berikon von 33 Mitgliedern gegründet. Mehr als 130 Jahre lang wurde die Milch der Beriker Kühe zu Emmentaler verarbeitet. Erst an der Zopfstrasse, dann wohl an die neun Jahrzehnte lang in der «Chäsi» an der Unterdorfstrasse. 1999 war Schluss mit Käsen.
Heute zählt die Käserei- und Wohngenossenschaft noch 13 Mitglieder. Sie planen den Abriss der «Chäsi» und den Bau von zwei kleinen Mehrfamilienhäusern. Deshalb braucht auch das «Heimatmuseum» von Peter Wild einen neuen Platz. --eob
Neues Kapitel aufschlagen
Auf dem Areal der «Chäsi» sind zwei kleine Mehrfamilienhäuser geplant
Wohl an die hundert Jahre lang wurde in der «Chäsi» an der Unterdorfstrasse Milch zu Emmentaler verarbeitet. Mit dem Abriss der Liegenschaft verschwindet ein Stück Beriker Kulturgeschichte.
Erika Obrist
1862. Diese Zahl steht zuoberst auf der Liste, die Alois Koch zusammengestellt hat. Er ist Präsident der Käserei- und Wohngenossenschaft Berikon, wie die Firma seit 2015 offiziell heisst. Die Käsereigenossenschaft Berikon wurde vor 157 Jahren gegründet. 23 Mitglieder hatte sie damals, 23 haben der «Chäsi» ihre Milch verkauft. Im Laufe der Jahre waren es bis zu 50 Landwirte. «Heute sind es noch 13 Mitglieder, alles aktive und ehemalige Landwirte», weiss Alois Koch. Die Milch allerdings wird seit 20 Jahren nicht mehr in Berikon zu Emmentaler verwertet. «Milchkäufer» ist nicht mehr der Käser im Dorf, sondern die Aargauer Zentralmolkerei in Suhr (AZM), die heute der Firma Emmi gehört.
Milch selber verwerten
Gegründet wurde die Käsereigenossenschaft, weil die Landwirte die Milch selber verwerten wollten. Oder wie es heute in den Statuten unter «Zweck» steht: «In gemeinsamer Selbsthilfe bestmögliche Verwertung oder Verkauf der in Berikon gewonnenen Milch und anderer landwirtschaftlicher Erzeugnisse, Förderung der beruflichen Kenntnisse und des genossenschaftlichen Geistes durch Veranstaltungen, Besichtigungen, Vorträge und Kurse, Vertretung der Interessen der praktizierenden Landwirte und Erzeuger von landwirtschaftlichen Produkten von Berikon auch in der Öffentlichkeit.»
Die erste Käserei wurde in der Scheune des Landwirtschaftsbetriebs von Bruno Koch an der Zopfstrasse eingerichtet. Alois Koch schaut auf seine Liste und entnimmt ihr, dass der erste Käser in Berikon ein Herr Buchwalder war. Vornamen finden sich nicht auf Kochs Zusammenstellung.
Verkauf abgelehnt
Er kann der Liste auch nicht entnehmen, wann genau die «Chäsi» an der Unterdorfstrasse gebaut wurde. «Es muss in den 1920er-Jahren gewesen sein», vermutet Koch. Um sich gleich selber zu korrigieren: eher ein Jahrzehnt früher. Denn besagter Käser Buchwalder wollte die «Chäsi» im Jahr 1927 kaufen. Die Genossenschafter aber nicht. Worauf der Käser ging und ein gewisser Herr Hürlimann aus Rudolfstetten die Nachfolge antrat. Von 1939 bis 1965 war ein Herr Münger Milchkäufer und Käser, danach folgte erst Vater Thalmann, danach Sohn Walter Thalmann. Den kennt man noch sehr gut in Berikon. 1999 wurde die Käserei stillgelegt.
«Mehr als 130 Jahre lang wurde gekäst in Berikon», fasst Alois Koch zusammen. Stets wurde Emmentaler hergestellt. Die Landwirte durften ihren Milchkühen in all den Jahren keine Silage füttern. Dieses Verbot wurde im Jahr 2003 aufgehoben, da die AZM beziehungsweise Emmi aus der Milch der Beriker Milchkühe keinen Käse herstellt.
Erst Gewerberaum, dann Asylunterkunft
Es war üblich, dass der Käser über dem Produktionsbetrieb wohnte und dass er Schweine hielt. Diesen wurde die Molke verfüttert. «1959 wurden die Wohnung über der Käserei und der Schweinestall neu gebaut», entnimmt Alois Koch seiner Zusammenstellung der Geschichte der Genossenschaft. 1982 wurde die Schweinemast aufgegeben, weil die Wohnhäuser immer näher an den Stall herangebaut wurden. In der Folge war hier ein Gewerbebetrieb eingemietet. Seit Frühjahr 2016 sind hier Asylbewerber untergebracht; alles junge Männer. Die Gemeinde hat den Mietvertrag per Ende August gekündigt.
«Unsere Vorfahren haben weitsichtig gehandelt, als sie die Genossenschaft gegründet haben», fasst Alois Koch zusammen. Die jetzigen Genossenschafter tun das wieder: Sie schauen nicht wehmütig zurück, sondern optimistisch in die Zukunft. Das Kapitel Käserei ist abgeschlossen, dafür wird nun ein neues aufgeschlagen: Die Genossenschaft plant den Bau zweier kleiner Mehrfamilienhäuser auf dem Areal der heutigen «Chäsi». Dafür wird das bestehende Gebäude samt ehemaligem Schweinestall abgerissen. «Wir wollen hier bezahlbaren Wohnraum schaffen», erklärt Alois Koch, «und so den Genossenschaftsgedanken weiterpflegen.» Die Genossenschaft habe auch den Verkauf des Areals diskutiert, so Alois Koch, sich aber dagegen entschieden.
Zwei Architekten planten
Um die geplante neue Überbauung ortsbildverträglich zu gestalten, hat die Genossenschaft zwei Architekten eingeladen, Ideen auszuschaffen. Einer schlug einen einzigen Baukörper vor auf dem Areal, der zweite hatte zwei kleinere Baukörper vorgesehen. Die Genossenschaft hat den zweiten Vorschlag vom Architekturbüro Koller und Partner in Oberwil-Lieli ausgewählt. Das kleinere Gebäude direkt an der Unterdorfstrasse wird über einem Lagerraum zwei Wohnungen beinhalten. In der Erscheinung gleicht der Neubau dem heutigen Gebäude. Dahinter, anstelle des Schweinestalls, entsteht ein zweites Mehrfamilienhaus mit fünf Wohnungen. Zwischen beiden Gebäuden befinden sich Lift und Treppenhaus. Die Zufahrt zur Tiefgarage erfolgt ab der Unterdorfstrasse.
Während der Auflage des Baugesuchs gingen zwei Einsprachen ein. Verhandlungen mit den Einsprechern haben bereits stattgefunden. «Wir wollen eine gute Lösung mit ihnen finden.» Nun wartet die Genossenschaft auf die Baubewilligung.
Es eile nicht mit dem Baustart, so Alois Koch. Ist die Baubewilligung erteilt, so erfolgt die genaue Detailplanung mit der Ausschreibung der einzelnen Arbeiten. «Dann wissen wir, was der Neubau kosten wird.» Vor dem nächsten Frühjahr würden die Bagger nicht auffahren, so Koch weiter. Wenn sie aber kommen, wird die «Chäsi» aus dem Beriker Ortsbild verschwinden. Im Namen der Käserei- und Wohngenossenschaft lebt sie aber weiter.



