Wieder an Meisterschaft
19.02.2019 OberlunkhofenMarcel Brumann schiesst wieder
Am letzten Donnerstag dankte Marcel Brumann seinen Unterstützern mit einem Sponsorenapéro in Oberlunkhofen. Einen Tag später schoss er die erste Meisterschaft und erreichte ein tolles Resultat.
Der ...
Marcel Brumann schiesst wieder
Am letzten Donnerstag dankte Marcel Brumann seinen Unterstützern mit einem Sponsorenapéro in Oberlunkhofen. Einen Tag später schoss er die erste Meisterschaft und erreichte ein tolles Resultat.
Der 300-Meter-Schütze hatte vor einigen Jahren einen Schlaganfall und ist seither linksseitig gelähmt. Seither halfen ihm viele Freunde, trotz der Einschränkungen wieder zum Schiesssport zurückzufinden. Anstelle der 300-Meter-Anlagen schiesst er jetzt auf 10 Meter mit dem Luftgewehr.
Marcel Brumann lebt im Reusspark in Niederwil. Damit der Schiesssport ihn nicht zusätzlich finanziell belastet, wird er von vielen Leuten unterstützt. Am Apéro im Restaurant zum Bauernhof blickte er zusammen mit der Journalistin Nathalie Wolgensinger, Trainer Jost Mathis und Projektleiter Philipp Hübscher auf die vergangene Zeit zurück. Am Tag darauf nahm er an der ersten Meisterschaft teil. Dort erreichte er den sechsten Platz und in der Gruppenmeisterschaft zusammen mit seinen Zufiker Schützen den 3. Rang. --rwi
Projektziel erreicht
Marcel Brumann schiesst wieder an einer Meisterschaft
Marcel Brumann hat einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall und eine Hirnblutung überlebt. Dank guten Freunden fand er zurück in den Schiesssport. Am Sponsorenapéro dankte er dafür und schoss einen Tag später seine erste Meisterschaft.
Roger Wetli
Das Schicksal geht manchmal merkwürdige Wege. Vor über fünf Jahren musste Marcel Brumann reanimiert werden und lag im Koma. Seither ist seine linke Körperseite gelähmt. Ohne Rollstuhl ist ein Fortkommen nicht möglich. Trotzdem probierte der ehemalige 300-Meter-Schütze und Präsident der Freischützengesellschaft Oberlunkhofen, wieder in den Schiesssport zurückzukommen. Am Freitag schoss er seine erste Meisterschaft. Am Abend davor dankte er allen Unterstützern mit einem Apéro und einem Interview im Gasthaus zum Bauernhof in Oberlunkhofen.
Lange nach Lösung gesucht
Das Gespräch leitete Nathalie Wolgensinger, Redaktorin des «Reussboten». «Ich habe mal einen Bericht über dich geschrieben und war tief beeindruckt von deinem positiven Willen», erklärte sie. «Du hast mir damals gesagt, dass nichts mehr so ist wie früher. Was meinst du damit?» Ihm würde das Laufen fehlen und der linke Arm. «Ich würde gerne ein Rindsfilet geniessen. Aber wenn das jemand für mich schneidet, ist das nicht das Gleiche», schmunzelte Brumann, der seit seinem Schlaganfall im Reusspark in Niederwil wohnt. «Ich werde dort wundervoll betreut. Vor dem Morgenessen mit dem Lift hinunter, um eine zu rauchen, ist mir wichtig – und ab und zu ein Glas Weisswein zu geniessen.»
Zum Schiesssport kehrte er dank lieben Freunden zurück, die nach einer Beschäftigung für ihn suchten. «Unsere Reise begann im Februar 2015», erklärte Projektleiter Philipp Hübscher. «Wir wollten, dass Marcel Brumann bis zum diesjährigen 125. Geburtstag des Reussparks wieder an einer Meisterschaft teilnimmt.» Zuerst musste aber herausgefunden werden, welche Art des Schiessens für Brumann noch möglich ist. «Versuche auf 300-Meter-Anlagen in Berikon und Lunkhofen gingen in die Hose», so Hübscher. «Dann hatten wir die Idee mit Luftpistolen. Ein Test in Wohlen funktionierte aber ebenfalls nicht richtig. In Niederwil ging es dann.» Das Problem sei da die Rampe zu den Trainingsräumen gewesen, die im Winter zu steil sei. «Bei den Luftgewehrschützen in Zufikon fanden wir schliesslich die perfekten Begebenheiten, da wir da ebenerdig zufahren können.»
Die Luftgewehrschützen nahmen Marcel Brumann in ihre Reihen auf und probierten verschiedene Möglichkeiten aus, wie er schiessen kann. In Jost Mathis fand Brumann einen engagierten Trainer. Seine Unterstützer informierte Marcel Brumann über die Trainingsfortschritte per WhatsApp. Dazu fotografiert und versendet er die Standblätter. Diese werden aber nicht immer versendet. «Jost ist daran schuld», schmunzelte Brumann. «Als Trainer bin ich in erster Linie unangenehm. Marcel ist manchmal zu schnell mit sich zufrieden. Ich weiss aber, dass er mehr kann. Er muss gefördert werden», verteidigte sich Jost Mathis lachend.
Die richtige Lizenz gefunden
«Eine Herausforderung war, die richtige Lizenz für Brumann zu finden», so Hübscher. «Und dass er aufgrund seiner Medikamente nicht als gedopt gilt.» Ziel sei auch gewesen, dass das Projekt kostendeckend werde und für den Schützen keine zusätzliche finanzielle Belastung entsteht. «Wie hast du dieses Geld zusammengekriegt», fragte ihn Nathalie Wolgensinger. «Ich bin halt ein Jammeri. So geht das», lachte Brumann verschmitzt.
Am Tag nach dem Sponsorenapéro schoss Marcel Brumann an der 26. Aargauer Meisterschaft in Aarau. «Er hatte einen sehr guten Einstand, und zeigte keine Nervosität», erklärte Philipp Hübscher auf Nachfrage. Bei seinem 40 Schussprogramm lieferte er 25-mal 10er und 15-mal 9er ab, was das Total von 385 Punkten ergibt. «Er wurde damit Sechstbester. Und die Luftgewehrschützen erreichten zusammen den 3. Rang und wurden mit einem Diplom geehrt.»
Liebe Frau und gute Kollegen
Obwohl das Projektziel damit erreicht wird, wird es weitergeführt. «Wir möchten jetzt für ihn eine Schiessjacke kaufen und die Schiessbrille optimieren», so Hübscher. Er verliert zurzeit sehr schnell seine körperliche Fitness. «Deshalb möchten wir in Absprache mit seinen Therapeuten zusätzliche Trainings.» Zudem sei der Einstieg in den Rollstuhlsport in der Disziplin «Gewehr 10 Meter» vorgesehen. «Unser Ziel ist es, Marcel Brumann dort zu etablieren.» Wettkämpfe seien im Aargau und der ganzen Schweiz, nicht aber im Ausland angedacht. Bis zu den Jubiläumsfeiern des Reussparks im Mai soll zudem ein Fotoalbum mit Rückblick auf die letzten vier Jahre entstehen.
Philipp Hübscher erzählte am Sponsorenapéro seine Träume. «Es gibt bei den Senioren viele Schützen mit einem riesigen Wissen, das brachliegt. Schön wäre es, wenn in Seniorenresidenzen, Alters- und Pflegeheimen rollstuhlgängige 10 Meter-Schiessanlagen eingerichtet werden.» Die Senioren könnten sich dann gegenseitig trainieren. So wie es bei Marcel Brumann der Fall ist. «Ich habe halt eine sehr liebe Frau und gute Kollegen.»



