Risikofaktor 1: Der Mensch
26.10.2018 Auto
Blickpunkt Verkehrsunfälle: Zahl der Todesopfer ist gering – Hauptunfallursache ist Unaufmerksamkeit
Die Todesstrasse zwischen Lenzburg und Muri oder die Raserstrecke zwischen Bremgarten und Rottenschwil: Sie sind heute sicher. Denn während es ...
Blickpunkt Verkehrsunfälle: Zahl der Todesopfer ist gering – Hauptunfallursache ist Unaufmerksamkeit
Die Todesstrasse zwischen Lenzburg und Muri oder die Raserstrecke zwischen Bremgarten und Rottenschwil: Sie sind heute sicher. Denn während es früher viele waghalsige Überholmanöver und Trunkenheit am Steuer gab, haben sich die Risikofaktoren nun verlagert – und die Sicherheit verbessert.
Stefan Sprenger
Das Podest in Sachen Ursachen für Verkehrsunfälle: 1. Rang: Missachtung des Vortrittsrechts. 2. Rang: Nichtanpassen der Geschwindigkeit. 3. Rang: Unaufmerksamkeit. Diese Rangliste stammt von Michael Schibler, Dienstchef Verkehr und Umwelt bei der Kantonspolizei Aargau. Die meisten Unfälle in der Region Freiamt ereignen sich im Innerortsbereich in Ortschaften mit hoher Verkehrsdichte. Wohlen und Bremgarten sind da wohl am ehesten zu nennen. Schibler erklärt: «In Aarau und Baden gibt es mehr Unfälle, besonders zur Rushhour. Auf den Autobahnen ereignen sich über 20 Prozent der Unfälle. Von diesem Standpunkt aus gesehen, lebt man im Freiamt sicher.»
«Nur» drei Verkehrstote pro Jahr im Freiamt
Dies beweist Schibler auch gleich mit Zahlen. Im Jahr 2017 gab es im Kanton Aargau 17 Verkehrstote, 2016 waren es 14, 2015 starben 28 und 2014 25 Menschen. Und im Freiamt: Da waren es fast jedes Jahr drei Menschen, die im Strassenverkehr ihr Leben lassen mussten. 2016 waren es nur zwei. Diese Zahl überrascht selbst Schibler. Er hätte mehr erwartet. Verhältnismässig gering sei die Anzahl der Verkehrsopfer in den Bezirken Muri und Bremgarten.
Die Todesstrasse zwischen Lenzburg und Muri, sie verdient ihren Namen nicht mehr. Auch die Raserstrecken zwischen Bremgarten und Rottenschwil oder von Dottikon nach Othmarsingen sind grösstenteils entschärft. Während es vor über 20 Jahren noch viele waghalsige Überholmanöver auf der Todesstrasse gab, «existiert dieses Phänomen seit vielen Jahren nicht mehr», so Schibler. Die Grenze für Junglenker bei 0,0 Promille, der Führerschein auf Probe und die hohe Strafandrohung zeigen ihre Wirkung. Auf der Strecke von Lenzburg nach Wohlen sind aktuell «in erster Linie Auffahrkollisionen im dichten Verkehr zu registrieren», sagt Schibler.
Todesfälle zuletzt in Muri, Dintikon und Villmergen
Tödliche Unfälle sind selten geworden. Sehr selten. 2012 kam in Muri innerorts ein Fussgänger ums Leben. 2014 erfasste in Dintikon ein PW-Lenker einen Fahrradfahrer unter Drogeneinfluss. 2015 starb in Villmergen ein Mofalenker ausserorts beim Überqueren der Fahrbahn. 2017 wurde ein Fahrradfahrer in Villmergen von einem anfahrenden Lastwagen erfasst und getötet.
Michael Schibler sagt: «Heute sind es vermehrt Fahrradfahrer und ältere Menschen, die am Verkehr teilnehmen und in Unfälle mit tödlichem Ausgang verwickelt werden.» Besonders hervorzuheben sind die E-Bikes, die dafür sorgen, dass man mit hoher Geschwindigkeit unterwegs ist. Dies ist wiederum gefährlich. Verkehrstote im Auto werden immer seltener. «Die Sicherheit in den Autos wird immer höher. Bald soll es Notbrems-Assistenten im Auto geben. Diese Zahlen werden also weiter runtergehen. Früher war das Autofahren viel gefährlicher, es gab fast jedes Wochenende einen tödlichen Unfall.»
Auch hier liefert er Zahlen. Die Verkehrstoten haben sich in den letzten 40 Jahren stark reduziert. 1970 waren es über 150 Todesopfer. 1990 noch 73 Tote, 2000 starben 45 Menschen. Dann sank der Wert massiv. 2010 gab es 12 Verkehrstote. «Zur Zeit liegt der Mittelwert der letzten fünf Jahre bei 21 Toten», so Schibler. Noch aussagekräftiger ist die Zahl bei den Schwerverletzten. «Hier wurde 2017 ein Allzeittief erreicht. Es gab 220 Schwerverletzte.»
Spezifisch zum Freiamt sagt Schibler: «Die Sicherheit auf den Strassen im Freiamt muss als hoch bezeichnet werden. Handlungsbedarf besteht bei den Verkehrsteilnehmenden, die ihre Verantwortung teilweise ungenügend wahrnehmen. Aktuelle Themen sind hier die Unaufmerksamkeit als Fahrzeuglenker beziehungsweise die Sichtbarkeit und das Telefonieren der Fussgänger – was allerdings nicht verboten ist.» Ob allenfalls in den Gemeinden betreffend Infrastrukturen noch Optimierungspotenzial festgestellt wurde, sei ihm nicht bekannt.
«Vermehrt Unfälle, bei denen Leute am Handy waren»
Auf die Frage nach dem Verhältnis in der Umgebung von Wohlen antwortet Repol-Chef Marco Veil: «Grundsätzlich sind die Strassen immer so gefährlich, wie man darauf fährt.» Kapo-Dienstchef Schibler ist derselben Meinung: «Der Risikofaktor Nummer eins ist und bleibt der Mensch.» Veil von der Repol Wohlen ergänzt zu den freiämterischen Begebenheiten: «Die Nutzenbachstrasse zwischen Wohlen und Villmergen ist eng und uneben. Und der Tunnel sehr schmal.» Dort gebe es Gefahrenpotenzial. Die meisten Unfälle passieren allerdings nicht aufgrund mangelnder Strassenverhältnisse oder ungenügender Signalisierung, sondern aufgrund von Unachtsamkeit. Ein immer höherer Risikofaktor wird dabei das Smartphone: «Es gibt vermehrt schwere Unfälle, bei denen die Unfallbeteiligten am Handy waren.» Sei es als Automobilist oder als Fussgänger – im Strassenverkehr in Bewegung zu sein und gleichzeitig auf seinem Handy etwas zu lesen oder einzutippen ist immer mit grossem Risiko verbunden. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung hat diesbezüglich Kampagnen gestartet. Und auch die Polizei ist sensibilisiert. «Es werden gezielt Handykontrollen durchgeführt», sagt Schibler.
Bis zu 10 000 neue Fahrzeuge pro Jahr
Einen weiteren spannenden Aspekt liefert Michael Schibler. Im Kanton Aargau gab es im Jahr 2017 insgesamt 507 000 registrierte Fahrzeuge. Tendenz steigend. Pro Jahr kommen 5000 bis 10 000 neue Fahrzeuge dazu. Die Infrastruktur ist vielerorts am Anschlag. Es gibt Stau. Dies hat auch positive Aspekte: «Man kann nicht mehr so schnell fahren. Überholen ist beinahe nicht mehr möglich. Dadurch gibt es weniger Unfälle und – vor allem – weniger schlimme Unfälle», so Schibler. Der Risikofaktor Mensch – er bremst die Gefahren somit selber aus.
Geschichte der Todesstrasse
Die Todesstrasse gilt zwischen Lenzburg und Muri. Früher auch zwischen Lenzburg und Wohlen. 2014 fuhren täglich über 20 000 Autos durch. Seit den 60er-Jahren, als die Strasse staubfrei gemacht wurde, kam es auf der Strecke immer wieder zu schweren Unfällen mit Verkehrstoten. Besonders betroffen die Kreuzung Langelen (Dintikon) und die Kreuzung bei Wohlen. Mittels Kreisel und Lichtsignal wurden diese «Hotspots» entschärft. Seit den 80er-Jahren ist die Unfallserie auf der Todesstrasse grösstenteils eingedämmt.
Eine Strafe Gottes?
Ein religiöser Hintergrund: Früher glaubte man in katholisch-konservativen Kreisen des Freiamts, dass die vielen tödlichen Unfälle eine Strafe Gottes sind, weil die Reformierten – im unteren Teil des Bünztals – bei den Arbeiten in den 60er-Jahren auch am «heiligen Sonntag» ihre Dampfwalzen haben laufen lassen. --red
Sie sind täglich auf den Freiämter Strassen
Das sagen Freiämter Automobilisten zur Situation im Strassenverkehr
Urs Küng ist Garagist. Bei Unfällen wird er oft gerufen, um kaputte Autos abzutransportieren. Ein Ort, an dem er überdurchschnittlich oft ist, kann er nicht nennen. «Kreuzungen, bei denen es viele Unfälle gibt, werden entschärft», weiss er. Durchschnittlich einmal pro Woche wird er zu einem Unfall gerufen. «Die meisten entstehen durch Unachtsamkeiten», sagt er. Auch ihm fuhr schon einmal ein Auto ins Heck.
Mit den vermehrten Kontrollen, sei es Alkohol oder Tempo, haben die Unfälle abgenommen. «Prozentual zu der Anzahl Verkehrsteilnehmer sind es weniger als früher.»
PS-Limit für Neulenker
«In jungen Jahren hat es an meinen Autos einige Beulen und Schäden gegeben», sagt Médard Bucher aus Hägglingen. Anders als heute sei damals nicht bei jeder Bagatelle die Polizei gerufen worden. «Heute ist man fast gezwungen, die Polizei zu rufen, weil das Wort nicht mehr so gilt wie früher.» Das Hauptproblem sieht er bei den leistungsstarken Autos und den unerfahrenen Lenkern. Es sollte laut Bucher ein PS-Limit für Neulenker geben, damit sie lernen können, wie man mit einem leistungsstarken Auto umgeht.
Daniela Brumann aus Sarmenstorf ist täglich im Auto unterwegs. Auf dem Weg an ihren Arbeitsplatz in Wohlen «sehe ich fast täglich einen Unfall». Die verstopften Strassen und die Hektik des Alltags sieht sie als Hauptgründe für die Kollisionen. «Oder dass viele Leute ihre Smartphones während des Fahrens gebrauchen», so Brumann. Früher sei dies anders gewesen, besser, wie sie meint. «Es gibt mittlerweile zu viele Autos auf der Strasse. Eine Lösung für das Problem wären Umfahrungen. Wohlen ist so verstopft, das würde helfen.» Ebenfalls wäre es wichtig, dass die Menschen «während dem Autofahren nicht so gestresst sind», sagt die leidenschaftliche Autofahrerin.
«Einen Unfall hatte ich bis jetzt nicht – zum Glück», sagt Nils Inauen, 25, aus Bremgarten. Aber er merke, dass die Leute oft vergessen, den Blinker zu setzen. «Besonders im Kreisel kann es gefährlich werden, wenn einer herein- oder hinausfährt, ohne zu blinken.» Viele Unfälle passieren seiner Meinung nach wegen der Selbstüberschätzung. Schnee und Regen werden auf die leichte Schulter genommen, deshalb werde die Geschwindigkeit nicht richtig angepasst. «Auch Faktoren wie Müdigkeit und Ablenkung spielen sicher eine Rolle.» --chg/spr/ake


