Gestrichen, wer nicht mitzieht
30.10.2018 BremgartenBremgarten: Auch mit Wetterpech ein erlebenswerter Markt der Vielfalt
Kein Minusrekord. Der trockene Sonntagnachmittag verhinderte es. Keine Freude hatten Organisatoren an kurzfristigen Absagen von Marktfahrern. Bewerben müssen sie sich nicht ...
Bremgarten: Auch mit Wetterpech ein erlebenswerter Markt der Vielfalt
Kein Minusrekord. Der trockene Sonntagnachmittag verhinderte es. Keine Freude hatten Organisatoren an kurzfristigen Absagen von Marktfahrern. Bewerben müssen sie sich nicht mehr.
Lis Glavas
Petrus hat sich längst als Freund des Bremgarter Marktgeschehens erwiesen. Jetzt aber sprach er Klartext. «Ihr wollt Wasser? Ihr sollt Wasser bekommen. Wenns dann euren Markt trifft, könnt ihr zeigen, wie ihr mit misslichen Wetterverhältnissen umgeht.»
«Kein Schönwettermarkt»
Ein paar leere Stände im Warenmarkt und die Verweigerung von Akteuren im Mittelaltermarkt waren hinzunehmen. «Es ist kein Schönwettermarkt», erklärte Marktchef Walter Friedli. «Wer bei schlechtem Wetter nicht mitzieht, muss sich nie mehr melden.» Auch Urs Gamper, Präsident des Vereins Mittelaltermarkt, erzählte von enttäuschenden Absagen. Insgesamt nahm er die Situation aber sehr gelassen. «Wir hatten gestern ein aufgestelltes Publikum, wenn auch ein kleines. Und heute ist die Stimmung super», bilanzierte er am Sonntagnachmittag. In Halvars Wikinger-Shop waren die warmen Mäntel am Samstag schnell ausverkauft. Wer sich für Kinderangebote ins Zeug gelegt hatte, blieb vorerst nahezu arbeitslos. Gut eingepackt kamen die Kids am Sonntagnachmittag dann aber doch noch.
Im Marktteil Historisches Handwerk hiess das Spezialthema «Glas». Das Publikum lernte das Atelier Glasart und das Atelier für Heraldik aus Waltenschwil kennen. In dritter Generation führt Antoinette Liebich den Glasmalereibetrieb. «Ich fühle mich geehrt, als Gast eingeladen worden zu sein», erklärte sie.
Der die Neugier kitzelt
Historisches Handwerk und Warenmarkt
Wieder begrüsste das OK Historisches Handwerk über 70 Standbetreiber, die altes Handwerk in Szene setzten. Im Zeughaussaal war die diesjährige Spezialschau «Glas» trocken und warm untergebracht.
Lis Glavas
«Petrus hat einen komischen Humor», fand Franky Weber, welcher Dieter Schmitz am Maronistand zur Hand ging. Das heisst, am Samstag drehten sie gemeinsam Däumchen, am Sonntagnachmittag half die beste Zusammenarbeit nicht, den Ansturm ohne Wartezeiten zu bewältigen. Heisse Kastanien brauchen nun mal ihre Zeit in der Rösttrommel.
Thomas Weber aus Niederbayern ist Senfmüller aus Leidenschaft, seine verführerische Biosenfmanufaktur lässt manchen Liebhaber deutlich tiefer ins Portemonnaie greifen, als es der ordinäre Senf verlangen würde. Es gehe ihm nicht nur ums Verdienen, versicherte er, während er die über 1000-jährige Mühle drehte. Wie die anderen Standbetreiber freut er sich, wenn er die Neugier möglichst vieler Besucherinnen und Besucher mit Fachwissen befriedigen kann.
Alte Kunst des Glasmalens erneuert
Das tat auch Antoinette Liebich begeistert. Seit 19 Jahren führt sie die Glasmalerei, die ihr Grossvater 1949 in Einsiedeln gründete und die sie von ihrem Vater übernahm. Seit vier Jahren betreibt sie ihr Geschäft in Waltenschwil. Am Doppelstand Glasart.ch und Heraldik.ch malte sie auf Glas, ihr Sohn Joe Kälin zeigte, wie man eine Glasmalerei verbleit und ihr Mann Rolf Kälin beeindruckte mit seiner heraldischen Kunstfertigkeit. «Ich fühle mich geehrt, als Gast hier dabei zu sein», erklärte sie. Sie fertigt Wappenscheiben an, Standesscheiben für Kantone, Gemeinden, Zünfte und Privatpersonen. Sie entwirft auch Verglasungen für Fenster und arbeitet mit oder ohne Denkmalschutz an Kapellen, Jugendstilvillas und Herrenhäusern.
Die Glasmalerei sei fast vergessen gewesen, erzählte sie. Mit viel Geduld habe ihr Grossvater an Farben, Gläsern und Arbeitstechniken getüftelt und sein Wissen schliesslich weitergegeben.
Mit guten Ideen am Markt
Kein altes Handwerk, aber eine sehr reizvolle Idee begutachteten die patrouillierenden Regionalpolizisten Bruno Däster und Ernest Heggli auf der Holzbrücke. Dort bot Hans Golling aus Wikon seine «Sennenlaternen» an. Es sind ausgemusterte Milchkannen, die er nach dem Sandstrahlen in ausgetüftelter Technik mit ausgeschnittenen Bildern verziert. Mit Kerzen werden sie dekorative Lichtspender.
Kaum einer der Marktfahrer dürfte beim teilweise misslichen Wetter zu hohem Umsatz gekommen sein. Gross dagegen die Überraschung beim Tretautorennen. Obwohl die Boliden am Samstag hauptsächlich in der Box parkiert waren, meldete ihr Besitzer Ralph Nikolaiski einen Erlös von 1000 Franken, mehr als im letzten Jahr bei der ersten Durchführung. Das Geld kommt wieder in die Kasse des Vereins Fachgeschäfte Altstadt, der es für Kinderaktivitäten verwenden kann.
Der Wandelbare
Mittelaltermarkt: Das jüngste Marktkind entwickelt sich prächtig
Eine Erlebniswelt ohne Kriegsverherrlichung soll der reussstädtische Mittelaltermarkt sein. Vergangene Zeiten soll er nachempfinden lassen. Er soll überraschen und auch Publikum unterhalten, das nicht zur eingefleischten Szene gehört.
Lis Glavas
Ihr Bier schmeckte lecker, war aber nicht eben frisch gebraut worden. Der samstägliche Dauerregen liess Barbara und Marco Gaggia auf den Versuch verzichten, das Feuer mühsam zu hegen und ihr Bier über Gebühr mit Nass von oben zu verdünnen. «Frauen waren es, die das erste Bier brauten», erzählte die Brauerin. «Auf einfachste Art natürlich. Sie lösten den Zucker aus dem Malz und gaben alles Mögliche dazu, was stärkehaltig war, wie Erbsen, Gerste und Hafer. Es ging darum, ein nahrhaftes und günstiges Lebensmittel zu produzieren. Mit dem Rest des Sudes setzten sie eine neue Hefekultur an.» Heute gibt sie grosszügig unterschiedlichste Kräuter dazu. Sie rühmte den Bremgarter Mittelaltermarkt. «Wir sind zum zweiten Mal hier und freuen uns über den guten Zusammenhalt. Alle helfen einander, jeder mag sich was gönnen. Sie suchen das Authentische und wählen gut aus. Als OK-Mitglieder des Ostschweizer Marktes Allartia können wir das sehr gut beurteilen.» Nach einer kalten Nacht im Zelt kam das Paar dann doch noch zum Brauen.
An Ideen fehlt es nicht
Dieses Lob gebührt Präsident Urs Gamper und seinem OK- und Helferteam. Er erzählte von anstehenden Plänen, die den Markt weiterbringen sollen. Den Chilbibetrieb will der Verein ausbauen. Dieses Jahr wurde ein Film mit einer Familie gedreht, die den Markt genoss. «Mit diesem Image-Film wollen wir ab nächstem Jahr die Werbung intensivieren. «Dann möchten wir weitere Besucher abholen, indem wir den Markt am Freitag von 16 bis 20 Uhr öffnen.» Er stellte Sonja Wyser vor, die im 9-Quadratmeter-Zelt für Verpflegung der Helfer und Gaukler sorgt. «Ihr Einsatz ist Gold wert.» Bei Sonja Wyser war Beni Gammenthaler aus dem solothurnischen Stüsslingen anzutreffen. Nach dem nächsten Markt wird er von Urs Gamper das Präsidium übernehmen. «Es ist mir nicht verleidet, und Ideen habe ich auch noch, erklärte Gamper. «Ich werde im Vorstand bleiben. Aber er ist gut, wenn neue Kräfte andere Ideen bringen.» «Wir sind wetterfest», tat der Präsident die Anspielung auf das miese Samstagswetter und den bescheidenen Betrieb auf dem Casinoparkplatz ab. «Wer da ist, geniesst es auf jeden Fall.» Und was tut das den Finanzen an? «Ein Defizit werden wir einfahren, das ist klar. Aber wir haben in den ersten vier Jahren gut gearbeitet. Wir können das verkraften.» Ein dank des trockeneren Wetters deutlich lebendigeres Markttreiben sorgte am Sonntag schliesslich für allerbeste Laune.
















