Biber im Brennpunkt
12.10.2018 OberlunkhofenOberlunkhofen: Biber in der alten Jone ist Dauerthema
Die Biberfamilie in der alten Jone spaltet die Gemüter. Deren Dämme verursachen grossflächige Vernässungen. Nach einem langen Rechtsstreit wurden die umstrittenen Objekte entfernt. ...
Oberlunkhofen: Biber in der alten Jone ist Dauerthema
Die Biberfamilie in der alten Jone spaltet die Gemüter. Deren Dämme verursachen grossflächige Vernässungen. Nach einem langen Rechtsstreit wurden die umstrittenen Objekte entfernt. Neue Konflikte sind bereits vorprogrammiert.
Joël Gattlen
Vor rund zwei Jahren besiedelte ein Biberpaar die alte Jone in Oberlunkhofen. Der Bach dient heutzutage der Entwässerung der östlichen Reusstalebene zwischen Oberlunkhofen und Jonen. In Unterlunkhofen wird die alte Jone in die Reuss gepumpt. Dies ist nötig, da sich diese Reusstalebene unter dem Reusswasserspiegel befindet und durch künstliche Dämme abgegrenzt ist.
Ebene saniert und entwässert
Die Ebene existiert in ihrer heutigen Form seit der Melioration des letzten Jahrhunderts. Dabei handelt es sich um eine umfassende Sanierung und Entwässerung der östlichen Reusstalebene in den 70er und 80er-Jahren. Dabei berücksichtigte man viele Interessen. Es wurden das neue Elektrizitätswerk Bremgarten-Zufikon mit seinem Stauwehr gebaut, Naturschutzgebiete eingerichtet, der Hochwasserschutz sichergestellt und für die Bauern neues Landwirtschaftsland gewonnen. All dies veränderte das Landschaftsbild nachhaltig.
Unterschiedliche Ansichten
Biber sind 2001 südlich von Bremgarten eingewandert. In der alten Jone verursachen sie Konflikte, weil sie durch Dammbauten das Wasser stauen. Die Drainagen, die das umliegende Landwirtschaftsland entwässern, können dadurch ihre Aufgabe nicht mehr zuverlässig erfüllen. Der Boden vernässt. Die betroffenen Landwirte haben deshalb eine Entfernung der Biberdämme beantragt. Diese wurde nach Einsprachen vom Gericht für ein Jahr bewilligt. Gegen diesen Eingriff wehrten sich Pro Natura Aargau, Birdlife und WWF. Für sie ist nicht der Biber der Problemverursacher, sondern die Landwirte, die ihre Flächen falsch bewirtschaften. Für die Entfernung ist dagegen Josef Fischer von der Stiftung Reusstal zuständig, weil die Stauung die Flachmoore beeinträchtigt.
Bereicherung oder Bedrohung?
Oberlunkhofen: Biber führen zu roten Köpfen
In der alten Jone führen Biber zu heftigen Diskussionen, die auch vor Gericht ausgetragen werden. Ihre Dämme sorgen für Nässe in Landwirtschaftland und Naturschutzgebieten. Für Pro Natura Aargau dagegen sind nicht die Tiere für die Probleme verantwortlich, sondern die Landwirte selber.
Joël Gattlen
«Da das Gefälle der Ebene teilweise unter einem Promille beträgt, ist das Pumpsystem mit seinen Drainagen anfällig gegen vom Mensch nicht eingeplanten Faktoren», erklärt Josef Fischer, Geschäftsführer der Stiftung Reusstal. Ein solcher stellt auch der Biber in der alten Jone dar. Dieser staute den Bach zeitweise mit drei Dämmen gleichzeitig, was eine Rückstauung des Wassers und Vernässung des Bodens über mehrere Kilometer zur Folge hatte.
2016 reichten deswegen die zwei Oberlunkhofer Landwirte Josef Frei und Urs Gumann sowie der Joner Landwirt Michael Rüttimann ein Gesuch für die Entfernung der Biberdämme beim Kanton Aargau ein. Dafür setzte sich auch die Stiftung Reusstal ein, welche sich neben dem allgemeinen Naturschutz besonders dem Schutz der Flachmoore verpflichtet hat. Durch den Biberdamm wurden diese seltenen Naturschutzgebiete tangiert.
Pro Natura, Birdlife und WWF kämpfen für die Biber
Gegenpol zu diesem Lager bildete die Naturschutzorganisation Pro Natura Aargau, welche sich für den Erhalt der Biberdämme einsetzte. Unterstützt wurde sie von Birdlife Schweiz und WWF. Diese störten sich auch daran, dass bereits während dem laufenden Verfahren die Biberdämme 2017 widerrechtlich entfernt wurden. Die Verbände erstatteten Anzeige. Trotz umfangreicher Ermittlungen der Staatsanwaltschaft konnte jedoch kein Täter aufgespürt werden. Deswegen musste das Verfahren sistiert werden.
Weiter lief hingegen das verwaltungsrechtliche Verfahren. Nach einem rund zwei Jahren andauernden Rechtsstreit mit gegenseitigen Einsprachen und Beschwerden gelangte das Gesuch von der Sektion Jagd und Fischerei des Kantons Aargau via Regierungsrat bis vor Verwaltungsgericht. Dessen Gerichtsurteil vom 8. Mai 2018 erlangte Anfang Juni Rechtskraft und die Biberdämme wurden von den Bauern auf eigene Kosten entfernt. «Die Bewilligung zur Entfernung der Dämme wurde vorerst auf ein Jahr beschränkt. Danach muss bei einem Gesuch die Situation neu beurteilt werden», erklärt Christian Tesini, Umweltingenieur und Biberverantwortlicher des Kantons Aargau. «Gleichzeitig wurden die Bauern zu einer dauerhaften Ersatzmassnahme verpflichtet. So müssen sie ein Biotop oder eine ähnliche Massnahme zur Förderung der Biodiversität erstellen.»
Fall würde heute wohl anders beurteilt
«Die Rechtsprechung zur Entfernung von Biberdämmen ist ziemlich rar gesät», weiss Tesini. «Vor Kurzem gab es zudem einen Paradigmenwechsel bei der bundesgerichtlichen Rechtsprechung. Der Oberlunkhofer Fall war einer der ersten Fälle, die mit der neuen Rechtsprechung beurteilt wurden und wurde deswegen eher restriktiv gehandhabt. Bei den neusten Fällen wird die Bewilligung zur Entfernung nun meist bereits für eine längere Zeitdauer, zum Beispiel von fünf Jahren, erteilt. Dies wäre heute vermutlich auch beim Oberlunkhofer Fall so», betont Tesini.
Weitere Interessenskonflikte vorprogrammiert
Trotz Entfernung der Dämme sind die Biber nach wie vor in der alten Jone aktiv. «Es sind sehr intelligente Tiere, welche sich gut anpassen können», betont Johannes Jenny, Geschäftsführer von Pro Natura Aargau. Auch Josef Fischer konstatiert: «Der Biber fühlt sich auch so in der alten Jone wohl. Durch die Dämme würde er die Landschaft jedoch zu seinen Gunsten verändern und zusätzlichen Schwimmraum schaffen.» Vermutlich werden die Tiere deswegen auch in einem Jahr noch vor Ort sein. Weitere Interessenskonflikte zwischen Biber, Bauern, Privatpersonen und Umweltschutzverbänden sind somit vorprogrammiert.



