Logenplatz mittendrin
20.07.2018 BremgartenSommerserie «Wohnen an einem besonderen Ort»: Theo Mühlemann, Bremgarten
Er wohnt im markanten Haus zum Rehbock, Ecke Marktgasse/ Sternengasse. Seine Wohnung liegt über der Bijouterie, in der er immer noch als Uhrmacher tätig ist. ...
Sommerserie «Wohnen an einem besonderen Ort»: Theo Mühlemann, Bremgarten
Er wohnt im markanten Haus zum Rehbock, Ecke Marktgasse/ Sternengasse. Seine Wohnung liegt über der Bijouterie, in der er immer noch als Uhrmacher tätig ist. So steht der 84-Jährige im doppelten Sinn mitten im Leben.
Lis Glavas
Stadtführer weisen auf den Schriftzug im Girlandenfries auf der Fassade des Hauses zum Rehbock hin: Carpe diem. «Pflücke den Tag», forderte der römische Dichter Horaz auf. Heute übersetzen wir das geflügelte Wort mit «Nutze den Tag» oder «Geniesse den Tag». Unterhalb dieser Aufschrift wohnt seit 25 Jahren ein Mann, der es meisterhaft versteht, die Gegenwart zu pflücken, zu nutzen und zu geniessen.
«Wenn du bleibst, ziehen wir um»
Theo Mühlemann erzählt im Verkaufsraum der Bijouterie am Bogen, wie er zu seiner Wohnung kam. Diese Geschichte ist eng verknüpft mit derjenigen der Bijouterie. Er kam 1970 nach Bremgarten und gründete am Bogen 6 die Bijouterie Mühlemann. Mangels Nachfolge verkaufte er diese Jahre später an Ursula Lightowler und blieb als Uhrmacher bei ihr angestellt. Sie benannte das Geschäft in «Bijouterie am Bogen» um. «Als die Geschäftsräume im Haus zum Rehbock frei wurden, erklärte sie: Wenn du weiterhin bei mir arbeitest, ziehen wir um.»
Seit rund zehn Jahren sind Rainer und Corinna Sorg Inhaber und Geschäftsführer der Bijouterie am Bogen. Der Arbeitsplatz des Uhrmachers Theo Mühlemann blieb unangetastet. Er befindet sich im Hintergrund neben der Treppe, die zu seiner Wohnung im ersten Stock führt. Früher befanden sich dort nur zum Laden gehörende Sitzungsräume mit einem Kaltwasserlavabo. Bei einem Handwechsel wurden sie in eine Wohnung umgebaut. Als diese frei wurde, zügelte Theo Mühlemann von der Sternengasse aus ein paar Meter weiter. Ein Anruf unterbricht das Gespräch. Der Besitzer einer IWC-Luxusuhr hat bisher erfolglos versucht, diese reparieren zu lassen. «Ich muss sie mir anschauen», sagt Theo Mühlemann. Wer, wenn nicht er, kann diesem Kunden helfen?
Gassenleben immer im Blick
Serie «Wohnen an einem besonderen Ort»: Theo Mühlemann, Marktgasse
«Ich sehe absolut nichts Negatives an meiner Wohnadresse», sagt Theo Mühlemann. Er mag das beschauliche Gassenleben ebenso wie den Markttrubel und lautstarke Musikveranstaltungen. Abwechslung bereichert schliesslich das Leben.
Lis Glavas
Für ein ausgefülltes und abwechslungsreiches Leben sorgt Theo Mühlemann aber in erster Linie selbst. Seinen Tag beginnt er mit Kaffeetrinken und Zeitungslesen im «Stadthof». Wochentags tritt er danach seinen Uhrmacherdienst in der Bijouterie am Bogen an. Quasi als Inventar hätten ihn Rainer und Corinna Sorg mit dem Geschäft von Ursula Lightowler übernommen, schmunzelt er.
Hobbys genügen nicht
Ein «normales» Rentnerleben mag der 84-Jährige nicht führen, solange es zu verhindern ist. «Dazu bin ich zu ruhelos.» Nicht dass es ihm an Hobbys mangeln würde. Aber nur Velofahren, Wandern und Golfen? «Ohne Arbeit würde ich geistig und körperlich verkümmern», ist er überzeugt. «Arbeit hält die Wahrnehmung wach.»
Rund 15 Jahre wohnte er an der Sternengasse, seit 25 Jahren im Stockwerk oberhalb der Bijouterie im attraktiven Eckhaus Marktgasse/ Sternengasse. In seiner Wohnung begrüsst ihn Sandy. Wenn Ursula und Bob Lightowler abwesend sind, hütet Theo Mühlemann ihr Haus und ihren Hund. Ins Auge fallen Bilder seiner zwei Töchter und sechs Enkelkinder, eine Vitrine mit seiner Whiskysammlung und frisch gebügelte Hemden. «Ja, natürlich», antwortet er lachend auf die Frage, ob er seinen Haushalt allein schmeisse. Als sei auch das absolut selbstverständlich.
Er hat hier den Überblick über die gesamte Marktgasse und den Bogen. Ein paar Schritte bringen ihn auf die Gasse, wo er gerne in Gesellschaft etwas trinkt. Oder wo er sich zu einem Schwatz auf eine der Bänke setzt. «Die Lightowlers wohnen ländlich. Mir wäre es dort zu abgeschieden, habe ich festgestellt. Ich würde mich blockiert fühlen.»
Bloss nicht auf Vorrat aufregen
Bald findet das zweitägige Festival i de Marktgass statt. Einer der Anlässe, die manche Anwohner stören, ärgern oder Reissaus nehmen lassen. Für Theo Mühlemann gilt: teilnehmen, unter den Leuten sein, solange es ihm gefällt. Wenn er sich dann in seine Wohnung verzieht, schläft er problemlos bei offenem Fenster. «An Lärm gewöhnt man sich doch. Beim ersten Fäscht i de Marktgass stand die Bühne unter meinen Fenstern. Die Organisatoren luden mich vorher ein, baten um Verständnis und Entschuldigung. Das war sehr nett, aber eigentlich gar nicht nötig. Doch wer sich auf Vorrat aufregt und überzeugt ist, nicht schlafen zu können, wird sicher kein Auge zutun. Es gibt ja nicht so viele solcher Anlässe.» Nein, selbstverständlich stört ihn auch das Markttreiben nicht. Nicht mal das viertägige «Gedudel» am Christchindli-Märt oder der «penetrante Geruch» nach Chnoblibrot, wie von anderen schon zu hören war. «Wichtig ist doch, dass etwas läuft. Ich wüsste absolut nichts, was mich hier stören sollte.»
Kennt er den Grossteil der Anwohner? «Nein, zeitweise kenne ich nicht mal alle, die in den drei weiteren Wohnungen an meiner Adresse leben. Man sieht hier den Zügelwagen ziemlich oft.» Ein Kommen und Gehen ist bekanntlich auch bei den Ladengeschäften feststellbar. «Auch das ist eine normale Entwicklung im Lauf der Zeit. Ich golfe in der Gemeinde Frick. Als ich letztes Mal durchs Zentrum ging, fielen mir die vielen geschlossenen Läden auf. Hier dagegen werden die meisten Lokale verhältnismässig schnell wieder besetzt.»
Dann und wann bekommt er zu hören: «Deine Wohnung würde ich auch nehmen.» Das sind wahrscheinlich Leute, welche wüssten, worauf sie sich einlassen. Aber Theo Mühlemann hat nicht im Sinn, seinen Logenplatz im städtischen Geschehen bald abzugeben.
RÜSSTÜFELI
Früher sei es normal gewesen, erzählte Theo Mühlemann, dass jede Bijouterie ihren eigenen Uhrmacherservice im Haus gehabt habe. Heute finde man den Uhrmacher noch in zirka jeder 100. Bijouterie. Er überreichte sein Visitenkärtchen. «Theo Mühlemann, Uhrologe, Uhrmacher.» Der Schalk ist eines seiner Markenzeichen.
Stadtgespräch war diese Woche der Überfall in der Bäckerei Schwager. Wer ein so langes Uhrmacherleben hinter sich hat, hat mehr als genug solcher Geschichten zu erzählen. Zwei Überfälle hat er miterlebt und ein halbes Dutzend Einbrüche oder Einbruchsversuche. Bei einem der Versuche diente ein Auto als Rammbock. Unüberhörbar in seiner Wohnung oberhalb der Bijouterie. Seinen eben operierten Fuss vergessend, sprang Theo Mühlemann aus dem Bett. Eine seiner Geranienkisten krachte. aufs Autodach. «Der war schnell weg», erinnert er sich vergnügt.
Kein Problem mit der aktuellen Hitze haben die Bauarbeiter Ibisguetbach-Renaturierung in Eggenwil. Und dies, obwohl Schatten auf der Baustelle ein rares Gut ist. «Die heissen Temperaturen stören uns nicht. Mühsam ist es nur, wenn es regnet», betonen sie.
Seit über 40 Jahren lebt Emil Hegetschweiler auf der Wikinger-Ranch. Er hat einige Veränderungen beobachtet, darunter auch gesellschaftliche. «Zu Beginn ritten hier praktisch nur Männer und vielleicht mal eine einzige Frau. Heute ist es genau umgekehrt», sinniert er.
Und noch etwas anderes hat der Rottenschwiler beobachtet: «Die ersten Störche nisteten hier in den 70er-Jahren. Aber egal, wie viele Jungtiere sie hatten: Mehr als drei konnten nie ausfliegen.» Das Familienglück der Vögel scheint also gegen oben eine absolute Limite zu haben.
Auch eine Limite nach oben hatte am letzten Sonntag die Freude einer Wirtin auf dem Mutschellen. Für ihre Stammgäste hatte sie das Restaurant, das sonntags stets geschlossen ist, extra geöffnet, damit diese gemeinsam den WM-Final schauen konnten. Mehr noch: Sie verwöhnte die Gäste mit Köstlichkeiten aus der Küche und vom Grill. Sichtlich zufrieden warteten die Gäste nach Spielende auf die Pokalübergabe. Doch diese liess auf sich warten. Dafür rauschte urplötzlich die Feuerwehr mit mehreren Fahrzeugen an. Der Brandmelder in der Restaurantküche hatte sie alarmiert. Die zusätzliche Hitze vom Grill draussen hatte gereicht, um den Alarm auszulösen. Ein teurer Abschluss des Fussballfests war es.
--gla / rwi / eob



