Nur keine Hemmungen
05.06.2018 BremgartenBremgarten: Sonnenverwöhnter Ortsbürgertag auf der Fohlenweide
Die Bremgarter Ortsbürger besuchten ihr grünes Refugium Fohlenweide und lernten vieles über Menschen, Pferde und Mutterkuhhaltung.
Hans ...
Bremgarten: Sonnenverwöhnter Ortsbürgertag auf der Fohlenweide
Die Bremgarter Ortsbürger besuchten ihr grünes Refugium Fohlenweide und lernten vieles über Menschen, Pferde und Mutterkuhhaltung.
Hans Rechsteiner
Um 1831 gelangten grosse «Waldungen, das freie Land und Wiesen und Weiden» westlich des Reussbogens in den Besitz der Ortsbürgergemeinde Bremgarten. Heute aufgeteilt in Waldflächen, den Waffenplatz und die Fohlenweide. Ihr galt der diesjährige Ortsbürgertag.
Der «Tag der offenen Türen» vor knapp einem Jahr auf der Fohlenweid war nicht besonders gut besucht. So reifte damals der Entschluss, auf der Pferdezuchtanlage einmal einen richtigen Ortsbürgertag zu organisieren. Stadtammann Raymond Tellenbach konnte über hundert Interessierte «auf diesem wunderbaren grünen Flecken» begrüssen. Pächterin Martina Rothenfluh freute sich darüber riesig. Es ist ihr wichtig, «nicht nötige Hemmschwellen abzubauen».
Land verkauft für den Waffenplatz
Sie zog im Zeitraffer durch die Geschichte. 1831 kamen die obere und die untere Allmend an die Ortsbürgergemeinde. Um 1860 wurde parzelliert und die Flächen den Ortsbürgern zur Nutzung zugelost. Das funktionierte nicht schlecht, führte aber immer wieder zu Unstimmigkeiten über die Zuteilung der Parzellen. 1903 wurden 54 Hektaren an die Pferdezuchtgenossenschaft des Kantons Aargau verpachtet. Es wurden Freibergerpferde gezüchtet, eine Rinderherde gehalten und
Landwirtschaft betrieben. 1959 wurden 52 Hektaren an die Eidgenossenschaft zwecks Schaffung eines Waffenplatzes verkauft. Der Fohlenweide blieben 40 Hektaren Weideland und 12 Hek taren Pachtland. 1972 zog die Juraweidgenossenschaft für Fohlenaufzucht von Halbblutpferden ein. Das riesige Areal war jahrzehntelang Schauplatz verschiedener Veranstaltungen und Anlässe. Unter anderem fanden hier Kadettenmanöver statt, Flugtage, Offiziers-, Dragonerund Militärpferderennen (im Jahr 1967 mit 8000 Besuchern), Springkonkurrenzen, Pferdesporttage, im Jahr 1965 gar das Nordwestschweizerische Schwingfest, 1983 die Aargauische Landwirtschaftliche Ausstellung ALA. Das Team Rothenfluh hat von 2002 bis 2016 die Sport- und Pensionsstallungen betrieben und 2017 den gesamten Betrieb in Pacht übernommen.
Wie auf einer Juraweide
Bremgarten: Rundgang über die Fohlenweide am Ortsbürgertag
Pensionspferdestall, Fohlenaufzucht, Mutterkuhhaltung und Vorzeigebetrieb als reiterliches Trainingszentrum – das ist die Fohlenweide heute.
Hans Rechsteiner
«Geniessen Sie diese Oase, die Ihnen gehört, und holen Sie sich viele Eindrücke.» Die Begrüssung durch Stadtammann Raymond Tellenbach zum Ortsbürgertag auf der Fohlenweide war mehr Empfehlung als Befehl. Die Teilnehmer lernten einen sympathischen Tier- und Menschenfreundlichen Betrieb kennen.
25 Hektaren Weide, auf 25 Hektaren Getreideanbau, 45 Pensions- und Sportpferde, 23 Stut- und Hengstfohlen, 18 Mutterkühe mit 18 Kälbern, für drei Monate ein «Leasingmuni», der die Mutterkühe betreut, drei afrikanische Hausziegen, 140 Tonnen Futter pro Jahr, davon 100 Tonnen selber angebaut, 200 Tonnen Stroh, 35 Tonnen Maiswürfel, 40 Tonnen Kraftfutter und etwas für Katze und Hund – das sind eindrückliche Zahlen rund um die Fohlenweide.
Wohlfühloase für Pferd und Kuh
Martina Rothenfluh, Pächterin des Gesamtbetriebs, führte eine Gruppe durch und über die Anlage. Eine zweite Gruppe folgte Susanne Rothenfluh, diplomierte Landwirtin. Die Führung begann beim zentralen Stall, dem ältesten Gebäude auf dem Areal. Martina Rothenfluh wies auf die später eingebauten grossen Fensterflügel hin, die tierfreundlich für Frischluft und Durchzug sorgen. In den hinteren, gut eingerichteten neuen Pferdeställen – «die wir so eingerichtet haben, wie ich sie wollte», so Martina Rothenfluh – fühlen sich die Pensionspferde sichtlich wohl. Rothenfluh, Fachfrau und Pferdefan, zeigte auf den speziellen Stallboden, rutschfest und trittfreundlich. Hier hält sie sich gerne auf. «14 Pferde schauen dich neugierig an, wenn du da hineingehst, vor allem wenn du den Futterwagen dabeihast», lachte sie. Übrigens läuft hintergründig immer angenehme Musik. Eine besondere Spezialität an der «Bremgarter Zuteilung» sei, «dass bei uns die besten Boxenplätze für unsere Pferde sind, nicht für die Pensionskunden».
Über den Zentralplatz und einen Stall weiter ist die Zuchtstation. Hier wirkten lange Jahre die berühmten Zuchthengste Santos und Alpha, zwei herrliche Tiere mit edlem Stammbaum und gutem Nachwuchs. «Damals waren es zwei, heute gibt es in der Schweiz 8000 Hengste. Und der ‹Natursprung› findet auch nur noch via Reagenzglas statt.»
Ein Reit- und Trainingszentrum
Martina Rothenfluh führte zu den täglich gepflegten Sandreitplätzen und Rondellen mit den Laufmaschinen. Es sind ideale Trainingsmöglichkeiten, die internationale Normen erfüllen. Die Fohlenweide ist bei Pferdebesitzern sehr beliebt, die Pensionsplätze sind begehrt.
Wer halt nicht die Zeit habe, sein Pferd morgens und abends 30 Minuten zu bewegen und am Abend noch eine Stunde Training zu absolvieren, dem nehme das Team Rothenfluh und seine Mitarbeiter diese Arbeit ab. «Aber wir sind vollständig ausgebucht», betonte die Pferdefachfrau auf der Führung. Pferde sind Bewegungstiere, die in den Führmaschinen selbstständig Kondition und Ausdauer trainieren dürfen und das gerne tun. Im Longierrund merkten die jungen Pferde, dass sie um einen Menschen laufen.
Weite Weiden und Räume
Westlich der Stallungen fügen sich 16 grosszügige Pensionsweiden an, gleich an den «Kindergarten» für die je drei Jahrgänge Stut- und Hengstfohlen. Die Reiter lieben die weiten Räume und Felder genauso wie die Pferde.
Auf der allergrössten Wiese tummeln sich die Fohlen; es ist wie auf einer richtigen Juraweide. Die Mutterkuhherde steht etwas beisammen. «Aber sie leben da draussen mit- und durcheinander», sagte Martina Rothenfluh, die die Kühe inzwischen so faszinierend findet wie ihre Pferde. «Die Fohlen haben aber mehr Respekt vor den Kühen als umgekehrt.» Die Mutterkuhherde ist von der braunen Rasse, die Kühe tragen Schellen um den Hals und dürfen ihre Hörner behalten.
Eine naheliegende Frage: Wie reagieren die Pferde auf den Schiesslärm von der angrenzenden Anlage? Martina Rothenfluh: «Sie reagieren überhaupt nicht. Da ist halt manchmal der Mensch schlimmer als das Tier.»
Den Ausgang findet man durch den Kuhstall, den die Tiere frei nutzen oder verlassen können und wo es für den «Chälbli»-Kindergarten freien Auslauf und eine besondere Spielecke gibt. Da drin ist Luft, Spatz und Schwalbe. Herrlich.



