Auf eine Art perfekt

Fr, 21. Dez. 2018

Eine Weihnachtsgeschichte von Sabrina Salm, redaktionelle Mitarbeiterin

Erster Advent 2017. Vor wenigen Tagen war ich noch schwanger. Und hätte es noch bis Mitte Januar sein sollen. Unser kleiner Junge ist nun auf der Welt. Fast zwei Monate zu früh. Er ist 40 Zentimeter gross und 1655 Gramm schwer. Jetzt bin ich Mutter und überglücklich. Aber mein Sonnenschein ist nicht bei mir. Er liegt einen Stock weiter unten. Ohne Hilfe kann ich nicht zu ihm. Ich vermisse ihn so sehr.

Ich liege im Spitalbett und schaue aus dem Fenster. Die Weihnachtsbeleuchtung auf der Strasse ist an. Es schneit. Aus dem Radio tönt die eindringliche Melodie von Ed Sheerans Erfolgssong «Perfect». So sollte der Dezember sein. So sollte Advent sein. Aber die sonst so tröstliche Musik schmerzt einfach zu sehr. «Perfekt», wie der britische Superstar singt, ist es bei uns nicht.

Von überall her piepst und tönt es. Dann wieder ein Babywimmern. Die Pflegefachfrauen auf der Neonatologie (Neugeborenenabteilung) kümmern sich um die Frühchen. Sie geben ihnen den Nuggi, geben den Schoppen, geben Fürsorge. Der Alarm der Maschine, an der mein Kleiner angehängt ist, geht an. Die Sättigungs- und die Pulswerte sinken. Mir wird übel. Die Krankenschwester kommt, öffnet den Brutkasten, stubst ihn und sagt ruhig: «Atmen kleiner Mann. Atmen.» Die Werte gehen wieder hoch. Mein Herzschlag normalisiert sich ebenfalls. Atmungs- und Pulsabfälle sind bei Frühchen keine Seltenheit. Die Koordination sei bei den Kleinen noch nicht ausgereift, haben die Ärzte erklärt. Einige kleine Patienten müssen nur einen Tag auf der Frühchenstation sein. Einige Babys bleiben aber wochenlang. Hier ist es immer liebevoll dekoriert. Diesmal mit Pinguinen mit Mützchen und Schal an den Fensterscheiben. Goldige Sternengirlanden hängen von der Decke.

Unsere Gefühle fahren Achterbahn. Einmal hat das Glück die Oberhand. Ein anderes Mal die Trauer. Dann wieder die Freude, die Angst. Der Anblick meines Lieblings mit den ganzen Kabeln von Infusionen und Sensoren – er ist schwer zu ertragen. Dass wir ihn hier alleine zürücklassen müssen und ohne ihn nach Hause gehen – dies ist ein hässliches Gefühl. Kraft geben die Pflegefachfrauen und die Ärzte. Die Engel in weissen Kitteln. Sie bleiben die Ruhe selbst. Einfühlsam versorgen sie die Kleinen und spenden den Eltern Trost. Sie sind freundlich und haben immer ein offenes Ohr. Geduldig zeigen sie uns Neu-Eltern, wie wir unsere Babys füttern, wickeln, waschen, halten müssen. Wir wissen unser Kind in guten Händen.

Bald ist Weihnachten. Zeit, für Besinnlichkeit. Grittibänz backen. Samichlaus besuchen. Tannenbaum schmücken. Geschenke auspacken. Gemütliche Stunden mit Freunden und Familie geniessen. Ein Fondue chinoise hier, ein Raclette da. Die immer gleichen Weihnachtslieder mitsingen. Aber Weihnachten 2017 – wir sind gar nicht in Stimmung.

Und dann schneit es wieder. Weihnachtsfeeling pur. Was der Traum von vielen ist, ist nun am 3. Advent 2017 für mich nicht gut. Mittlerweile bin ich aus dem Spital entlassen worden. Habe mich einigermassen von der Schwangerschaftsvergiftung und der Geburt erholt. Ich bin mit meinem Suzuki Swift unterwegs vom Mutschellen nach Baden. Fühle mich leer, hilflos und irgendwie schuldig. Obwohl ich genau weiss, dass mich keine Schuld trifft. Ich schiebe die Gedanken zur Seite. Ich muss mich auf den Strassenverkehr konzentrieren. Aus dem Autoradio klingt Ed Sheerans «Perfect». Auf dieses Lied habe ich keinen Bock. Sofort stelle ich das Radio ab. Seit zwei Wochen geht es für mich täglich frühmorgens mit abgepumpter Muttermilch ins Kantonsspital. Nachmittags wieder kurz nach Hause, um ein wenig auszuruhen, um dann abends zusammen mit meinem Mann wieder hinzufahren. Schnee und Eis auf der Strasse sind unerwünscht. Aber dieses Jahr bleiben die Wünsche sowieso nur Wünsche.

Frust breitet sich in mir aus. Das aufheiternde Lachen der Spitalclowns und die netten Worte des Pflegepersonals und der Ärzte fruchten diesmal auch nicht. Ihre Bemühungen werden aber geschätzt – mein Kloss im Hals wird zumindest nicht grösser. Nur der Kleine auf meiner Brust wirkt beruhigend. Seine kleine Hand in meiner – und die Welt scheint stillzustehen. Er trägt einen weissen, flauschigen Strampler mit Wolken und Schäfchen darauf. Kleidergrösse 46. Selbst die kleinste Grösse ist ihm noch zu gross. Obwohl er seit der Geburt gewachsen ist. Es geht bergauf mit ihm. Zwar langsam, aber er kommt zu Kräften. Nach kurzer Kuschelzeit bei mir muss er leider zurück in sein Wärmebettchen und an die Geräte. «Alles halb so schlimm», sage ich mir immer wieder. Er ist sieben Wochen zu früh auf die Welt gekommen. So lange werde er vermutlich nun Zeit brauchen, bis er nach Hause darf, sagen die Ärzte. Verschiedene Faktoren spielen dabei eine Rolle. Für meinen Mann und mich ist weiterhin viel Geduld gefragt. Doch was sind schon Tage, Wochen des Wartens, bis er bei seiner Familie sein kann, für ein ansonsten gesundes Leben?

Es ist Weihnachten. Doch es fühlt sich nicht richtig an. Schon seit Wochen ist unser Sohn im Spital. Wir fühlen uns ohnmächtig. An ein schönes, normales Weihnachtsfest mit der Familie zu denken ist unmöglich. Die Nähe von Menschen ertrage ich im Moment sowieso nicht. Wir wollen nur bei unserem Sohn sein. Als kleines Geschenk ist beim Kleinen die Magensonde entfernt worden. Ein weiterer kleiner, wichtiger Schritt auf seinem jungen Lebensweg. Noch etwas Geduld und er kann mit uns kommen. Für uns unter diesen Umständen das schönste Weihnachtsgeschenk. Aber wir sind bescheiden geworden. Es sind die kleinen Momente, in denen wir überglücklich sind und fühlen, dass alles gut wird. Mein Mann und ich bleiben bis spät in die Nacht. Der Kleine schläft in Papas Armen. Und meine Tränen kullern.

Dann kommt der Tag – unser kleiner Kämpfer hat es geschafft. Endlich darf er mit uns nach Hause. Eine letzte Fahrt ins Spital. Wir sind aufgeregt. Können es nicht glauben. Die Pflegefachfrauen lachen. Endlich lachen auch wir. Die Gefühle – sie sind unbeschreiblich. Mit unserem Sohn im Auto geht es nach Hause. Im Autoradio hören wir Ed Sheeran mit «Perfect». Der erste Satz im Song: «I found a love for me» – «Ich fand eine Liebe für mich.» Jetzt fühlt sich das Lied richtig an. Es ist der 5. Januar. Endlich ist Weihnachten.


Advent 2018. Wir geniessen die vorweihnachtliche Zeit in vollen Zügen und freuen uns auf die Feiertage. Ich hoffe, Sie ebenfalls. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein dankbares, freundliches und für Sie perfektes Weihnachtsfest und Jahr 2019.

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